Ausgegraben

Das außergewöhnliche Strategiespiel Ancient Cities erkundet “die Welt vor dem Mausklick”

Die Geschicke einer Zivilisation von den ersten Schritten an zu formen und zu bestimmen ist ein Versprechen, das die meisten Strategiespiele nur allzu gerne geben. Die Civilization-Reihe beispielsweise beginnt das Spiel traditionell mit einem Siedler, der heimatlos durch die Gegend zieht, bis der Spieler entscheidet: Hier möchte ich meine erste Stadt errichten. Ein Mausklick später sehen wir sie vor uns, die Hauptstadt unserer Zivilisation, die sich bereits mit einigen Häuserreihen aus der natürlichen Landschaft hervorhebt.

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Nachdem mir mein Uni-Lehrplan vor einigen Jahren mehrere Seminar über die menschliche Ur- und Frühgeschichte in den Stundenplan geprügelt hatte, sah ich diesen so bequemen und schnellen Einstieg in mein Lieblingsstragiespiel mit etwas anderen Augen: Was passiert zwischen der Entscheidung, an Punkt X meine Stadt errichten zu wollen und dem alles entscheidenden Mausklick, der aus der umherziehenden Menschengruppe eine städtisch organisierte Lebensgemeinschaft macht? Immerhin stecken in diesem Prozess viele Entscheidungen, die Stoff für ein Videospiel bieten würden.

Erstaunlicherweise ist das noch immer ein weißer Fleck im Strategiespiel-Genre, der allerdings bald von einem kleinen Entwicklerteam getilgt werden könnte – und für diesen Versuch haben sich die jungen Game Designer, Programmierer und Zeichner von Uncasual Games einige spannende Ideen einfallen lassen.

Die Welt vor dem Mausklick

Ancient Cities dreht sich ganz um die Jahrzehnte und Jahrhunderte, die das Civilization-Franchise so routiniert mit einem Mausklick zusammenfasst: Die Entwicklung einer urbanen Zivilisation aus einer Gemeinschaft von nomadischen Jägern und Sammlern. Das in diesem Abschnitt der menschlichen Kulturgeschichte interessante Gameplay-Mechaniken schlummern, die auch Spielern gefallen könnten, die nichts mit Geschichte oder Archäologie am Hut haben, will Uncasual Games beweisen – und der Erfolg scheint ihnen bisher recht zu geben. Nach rund einjähriger Entwicklung konnten sie über Steam Greenlight bis zur Beendigung des Indie-Programms von Valve eine große Community aufbauen, die sie nun auf ihrer neugestarteten Kickstarter-Kampagne um Unterstützung bitten.

Noch etwas weniger als zwei Wochen bleiben den Fans, die Realisierung eines Echtzeitstrategiespiels zu finanzieren, das vieles anders machen möchte, als die Spiele seines Genres davor – auch wenn das grundlegende Ziel das Gleiche ist: Eine Menschengruppe zu einer möglichst florierenden, profilstarken Zivilisation zu formen. Nur der Weg dorthin ist eben so besonders.

Mit unseren ersten Menschen suchen wir innerhalb eines weitläufigen Areals mit festen Grenzen nach einem geeigneten Siedlungsplatz und beginnen dort, die ersten Häuser, Versammlungsplätze, Jagdhütten und so weiter zu errichten. Für fortgeschrittene Strukturen benötigt es allerdings bestimmte Technologien, die wir nicht etwa genretypisch mit Forschungspunkten in einem Extramenü freischalten, sondern die die Menschen erst erlernen müssen – entweder durch Ausprobieren oder durch Austausch mit anderen Kulturen. Die existieren jenseits unserer Siedlung und interagieren mit uns über eine Weltkarte. Ein Austausch soll trotz dieser unterbrochenen Sichtlinie trotzdem stattfinden können, wie die Entwickler erklären:

There will be other settlements or cities around the player, but they won’t be in the city map. These cities will provide world context to trade, warfare in the form of raids, migrations, diplomacy, and so on. The player can not go outside the city map, as this is a city builder, but can send representatives to the other cities.

Insgesamt halten sich die Entwickler noch mit Informationen zurück, wie genau der Aufbau einer Kultur in Ancient Cities funktionieren soll, doch die wenigen Schlaglichter, die das Team erlaubt, versprechen interessante Ansätze.

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Neben obigem Technologie-Erwerb können unsere Bewohner beispielsweise auch nur die Pflanzen anbauen, die sie aus ihrer Umwelt kennen – oder deren Samen durch den Wind auf ihre Felder geweht wurden. Manchen Menschen fällt das etwas leichter, weil sie intelligenter oder geschickter sind, als andere. Auch das ist eine Idee, die ich so in bisher keinem vergleichbaren Spiel gesehen habe.

Ein guter Grund für historische Authentizität

Besonders ins Auge fällt der Grafikstil von Ancient Cities, der an kleine, detailverliebte Dioramen erinnert und der die Siedlungen in den ersten Screenshots enorm authentisch wirken lässt. Tatsächlich verbringt und verbrachte das Team viel Zeit mit der historischen Recherche – nicht zuletzt weil einer ihrer ursprünglichen Gründe, dieses Spiel zu entwickeln, eng mit einem archäologischen Gedanken verwoben ist:

To some extent, the recent archaeological destruction around the world, in the Iraq war, and last year in Syria pushed us towards this project. It is our little contribution to the conservation and respect of the people who lived thousands of years ago.

Daneben hat Uncasual Games natürlich auch knallharte wirtschaftliche Gründe, Ancienct Games so zu entwickeln, wie wir es vor uns sehen. Eine Echtzeitstrategiespiel, das klassische Technologiebäume zugunsten innovativer Arten des Wissentransfers opfert, im Neolithikum spielt – und Pflanzensamen über eine eigene Windengine in der Welt verteilt? So etwas gab es bisher noch nicht, diese Nische ist noch unbesetzt. Eine erfolgreiche Kickstarter-Kampagne könnte das nun ändern und eines der traditionsreichsten Franchises überhaupt um eine neue, erfrischende Facette bereichern.

Zum Kickstarter-Projekt von Ancient Cities

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3 Kommentare

  1. Habe das Spiel auch die Tage erst entdeckt und muss sagen: ich kann mich dem Urteil aus dem Text nur anschließen! Hier liegt großes Potential vor, hoffen wir, dass die Jungs von UncasualGames die Chance bekommen es freizusetzen!

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