Essays

Stimmen hören – Hellblade zeigt uns ein anderes Bewusstsein

Hellblade: Senua’s Sacrifice lässt die Erfahrung einer Psychose erlebbar werden - gibt aber vielleicht auch einen Fingerzeig auf historische Mentalitäten.

Ein Gastbeitrag von Rainer Sigl.

Die flinke Feder von Rainer Sigl ist regelmäßig im deutschsprachigen Diskurs über Videospiele und Spielkultur zu finden. Neben seinem eigenen Blog Videogametourism schreibt er unter anderem für GameStar, DerStandard, Golem, das Gamezine WASD und den österreichischen Radiosender FM4. Eine prägende Konstante seiner Arbeit ist die Grundannahme, dass Videospiele mehr als nur Produkttests verdient haben, die lediglich Preis und Leistung in Relation setzen. Vor diesem Hintergrund entstand auch dieser Text über das jüngst erschienene Hellblade: Senua’s Sacrifice, das ihr an anderer Stelle bereits auf ArchaeoGames kennengelernt habt.

Man macht es sich meist zu einfach mit seinem Blick auf die Geschichte, wenn man meint, es sei alles so gewesen wie jetzt, nur mit anderen Kostümen und ohne Elektrizität. Zwischen uns und unseren Vorfahren, ob wenige Jahrzehnte oder viele Jahrhunderte vor uns, klafft ein Abgrund, der meistens unsichtbar ist – jener einer völlig anderen Mentalität, oder, in besonders bemerkenswerten Fällen, eines völlig anderen Bewusstseins.

Im Unterschied zur realienkundlichen Archäologie, die handfest mit Schaufeln und Pinseln die Spuren früherer Menschen sichert, hat die Mentalitätsgeschichte allerdings weniger stabile Anhaltspunkte zu bieten – besonders im Fall von Kulturen, von denen nur wenige materielle Zeugnisse erhalten sind. Dann ist die Versuchung noch größer, die Unterschiede zwischen uns Heutigen und jenen längst untergegangenen Menschen als oberflächlich zu bezeichnen, auch wenn das Gegenteil der Fall ist.

Hellblade: Senua’s Sacrifice ist ein ganz spezielles Spiel, das in zweifacher Hinsicht zu diesem Themenkreis passt. Zum einen versetzt es uns in die Gestalt einer Frau, die in einer völlig anderen Zeit lebt. Obwohl das Spiel keine genaue Datierung anbietet, liegt eine Lokalisierung nahe: Die Wikingerüberfälle auf die Orkney-Inseln, die den Ausgangspunkt der Handlung liefern, fanden irgendwann im 8. Jahrhundert statt. Senua, die Hauptfigur von Hellblade, gehört wohl zum Stamm der “barbarischen“ Pikten, einer vermutlich schamanistisch organisierten Volksgruppe mehr oder weniger kriegerischer Bauern und Jäger im Norden der britischen Inseln – wegen dieses Volks errichtet Kaiser Hadrian bereits im 2. Jahrhundert nach Christus den nach ihm benannten Grenzwall, um die südbritische römische Reichsgrenze zu befestigen.

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Zum anderen versucht Hellblade etwas anderes, weitaus Mutigeres – als Krieger vergangener Kulturen waren wir schließlich schon öfter unterwegs. Senua ist von unserer Lebensrealität nicht nur durch ihre Verortung als Mensch einer – historisch weit zurückliegenden – Vergangenheit mit völlig anderer Kultur und Gesellschaft entfernt, sondern auch durch ihre besondere Psyche, in die uns Hellblade eintauchen lässt. So hören wir, beeindruckend technisch gelöst, fast ununterbrochen Stimmen, nehmen die Realität in Form wiederkehrender Halluzinationen verfremdet wahr und finden uns wieder in Visionen, die mit der Realität kaum mehr in Einklang zu bringen sind – zumindest nicht mit jenem Bild der Realität, das wir als heutige, psychisch “gesunde” Menschen als unzerrüttbar gegeben annehmen.

Nur: Dieses heutige, unserer Ansicht nach unverrückbare, objektiv belegbar Bild der Realität ist keine Konstante, sondern historisch und kulturell bedingt. Anders formuliert: Frühere Menschen, auch psychisch in ihrer Gesellschaft und Zeit als “gesund” geltende, hatten unter Umständen ein völlig anderes Bild von der Realität – und möglicherweise auch ein von unserem Innenleben völlig unterschiedliches Bewusstsein.

Eine der faszinierendsten Theorien zum Bewusstsein früherer Kulturen stammt von Julian Jaynes. Der US-amerikanische Wissenschafter und Psychologe stellte in seinem 1977 veröffentlichten Buch “The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind” eine bahnbrechende These vor. Ihm zufolge habe sich die heutige Form des Bewusstseins – die einen inneren “Erzähler”, ein Gefühl der Individualität und die Möglichkeit, auch andere Standpunkte einzunehmen beinhaltet – nicht früh, sondern erst spät in der Menschheitsgeschichte entwickelt. In frühen Kulturen, so Jaynes, seien die Menschen in ihren Entscheidungen nicht wie wir “autonom” gewesen, sondern allesamt von lebhaften und alltäglichen auditiven Halluzination begleitet gewesen – Verbalisierungen eines “bikameralen” Bewusstseinszustands, der als fundamental unterschiedlich zum heutigen “normalen” Bewusstsein gelten muss.

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Die Menschen “hörten” die Stimmen ihrer Ahnen oder Götter, sahen in der Natur hilfreiche Zeichen und organisierten frühe Gesellschaften streng autoritär, in kleinen Gemeinschaften mit schamanistischen Anführern mit besonderem Kontakt zum Jenseits, oder aber in Gottstaaten, in denen die Priesterkönige direkt mit den Göttern kommunizierten. Diese frühen Gesellschaften, so Jaynes, seien effektiv durch ein Bewusstsein fast ständiger Halluzinationen begleitet gewesen – ein Normalzustand, der erst spät vom Aufkommen der heutigen Psyche abgelöst wurde.

Wie spät, ist die eigentliche Provokation von Jaynes’ These: Erst eineinhalb Jahrtausende vor Christus, so Jaynes, habe sich durch Naturkatastrophen, gesellschaftliche und kriegerische Umwälzungen und größeren Austausch zwischen den Völkern dieses Bewusstsein als ineffektiv erweisen. In diese Zeit fallen nicht nur die Epen Homers, sondern auch große Teile des Alten Testaments, und in diesen frühen Zeugnissen findet Jaynes die spannendsten Gewährsmänner seiner provokanten These. Liest man die Geschichten von Ilias, Odyssee, der Bibel unter diesem Gesichtspunkt, fallen einem unzählige Stellen auf, die haargenau zu dieser Theorie passen.

Auch in archäologischen Spuren, in Kultgegenständen und anderen Quellen findet Jaynes Belege für seine These, die einen großen Nachteil hat: Beweisbar wäre sie nur im psychologischen Experiment, sprich, im Aufziehen eines Kindes unter gesellschaftlich ähnlichen Bedingungen wie damals, als das Hören von Stimmen als “normal” und gewünscht galt, man von Götterstatuen Antwort erwartete und ein “modernes” geistiges Innenleben fremd war. Nicht nur aus diesem Grund ist Jaynes’ Theorie bis heute nicht im Mainstream der Wissenschaft anerkannt – auch wenn sich bislang keine tatsächlichen Widerlegungen als handfest erweisen haben.

Weil Jaynes allerdings zuallererst Psychologe war, findet er Spuren des bikameralen Bewusstseins auch noch in viel späteren Beweisen – unter anderem in der Gegenwart und in der Psychopathologie. Hier schließt sich endlich der Kreis zu Hellblade: Das Hören von Stimmen, wie es von Hellblade so eindrücklich simuliert wird, ist nämlich mitnichten zwingend Ausdruck einer psychischen Krankheit, sondern überraschend normal – auch heute noch. Fast jeder zehnte Mensch hört im Laufe seines Lebens Stimmen, die physikalisch nicht erklärbar sind – die Dunkelziffer dürfte noch weitaus höher liegen, weil in den allermeisten Fällen in Abwesenheit sonstiger Symptome kein Arzt aufgesucht wird. Jaynes zufolge wäre dieses Stimmenhören auch kein Symptom einer psychischen Krankheit, sondern lediglich ein “Rest” einer im menschlichen Gehirn angelegten, aber verlernten Bewusstseinsform.

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Hellblade zeigt allerdings natürlich nicht dieses – Janyes zufolge möglicherweise irgendwann vorherrschend normale – Bewusstsein, sondern simuliert ein dezidiert psychotisches Krankheitsbild, das von Melina Juergen eindrucksvoll darstellerisch als quälend gezeigt wird. Dass in ihrem Kampf mit dieser Krankheit ihr Weg durch die Mythologie führt, ist aber kein Zufall und zeigt den nächsten Anknüpfungspunkt zur Mentalitätsgeschichte. Für uns aufgeklärte Zeitgenossen ist das in allen frühen Zeugnissen auftretende Übernatürliche in Form von Göttern, Dämonen und Visionen allzu oft nur ein als poetisch verstandenes Sprechen von inneren Konflikten – für die Menschen vergangener Zeiten aber waren diese Erscheinungen vielleicht sogar realer als die banale Wirklichkeit. Die Frage, ob frühere Menschen “wirklich” an ihre Götter, Geister oder das Jenseits “geglaubt” haben, ist so gesehen eine zutiefst moderne – weil das Bewusstsein, das die sich vielleicht ständigen zeigenden Beweise des Göttlichen in der Natur in Frage zieht, unter Umständen zu diesen Fragen gar nicht im Stande war.

Unser Bewusstsein ist mehr als nur ein “Aufnahmegerät”, in dem sich die objektive Realität spiegelt – es ersetzt, erfindet, lügt oder halluziniert, in den allermeisten Fällen in unserem ureigensten Interesse, um uns das Leben in unseren spezifischen Gesellschaften einfach zu machen. Uns in Form eines Spiels das “Erleben” eines solchen anderen, im Fall von Hellblade durch moderne medizinische Auffassungen geprägten “Krankheitsbildes” zu ermöglichen, ist eine absolut faszinierende Gelegenheit, unser eigenes Bewusstsein als etwas zu begreifen, das nicht statisch und unveränderbar, sondern stets im Fluss ist – im persönlichen Maßstab, aber – und noch viel mehr – auch in jenem von Jahrtausenden von menschlicher Erfahrung.

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