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Der Traum vom archäologischen Minority Report: Wie das ARtefactKit die Archäologie revolutionieren will

Es fühlt sich alles ein bisschen wie bei Minority Report an: Der Archäologe Stuart Eve hält einen langen Knochen in seinen Händen und kündigt seinen Zuschauern an, diesen Fund innerhalb der nächsten Minuten seinem ehemaligen Besitzer zuordnen zu können. Selbst für erfahrene Experten im Umgang mit Fossilen und Knochenfunden ist das eine schwierige Herausforderung, doch der junge Archäologe hat ein wertvolles Hilfsmittel zur Hand: Augmented Reality. Mit schnellen Fingerbewegungen navigiert Eve, der eine VR-Brille trägt, durch mehrere virtuelle Menüs und sieht schließlich eine ganze Reihe digitaler Vergleichsknochen direkt vor seine Augen. Nun kann er seinen Fund mit den Musterbeispielen vergleichen und die unterschiedlichen Tiere, die in Frage kommen, sogar in voller Größe in den Raum projizieren.

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Es ist eine beeindruckende Demonstration seines Prototypen “ARtefactKit“, mit dem Stuart Eve nichts geringeres will, als die Ausbildung junger Archäologen und die Ausgrabungsarbeit zu revolutionieren. Zwar hat der technologische Fortschritt in den letzten Dekaden auch die Archäologie erreicht, doch bleiben diese Weiterentwicklungen auf wenige, sehr spezielle Werkzeuge wie 3D-Scanner oder Render-Programme für 3D-Modelle beschränkt. Im Feld, wie es so schön heißt, ist Kelle, Bleistift und Blatt Papier noch immer das wichtigste Hilfsmittel des Forschers. Das “ARtefactKit“ könnte daran – zumindest theoretisch – etwas ändern: “Das Gerät wäre sicherlich hilfreich für Studenten oder Universitäten, insbesondere wenn sie keinen Zugang zu echten, physischen Knochensammlungen haben“, erklärt Stuart Eve in einem Gespräch, das ich via Email mit ihm geführt habe. Auch die Identifikation exotischer Tiere fiele mit einem schnell zugänglichen, reichhaltigen Inventar an 3D-Knochen viel einfacher, als mühsam eine komplette Sammlung zu durchsuchen.

Doch es gibt neben neuen Impulsen für die archäologische Ausbildung noch ein weiteres Motiv, das Eve bei der Entwicklung des Prototypen motiviert hat: “Ich will die Leute daran erinnern, dass sie es nicht nur mit trockenen Knochen zu tun haben, sondern dass diese Knochen auch mal Teil eines Tieres waren, das seinerseits Teil eines Habitats und Ökosystems war.” Dieser Kontext ginge in der Forschung und in den Köpfen der Forscher seiner Erfahrung nach immer wieder verloren. “Es ist wichtig, auch einmal zurückzutreten und das große Gesamtbild anzusehen und sich genau zu überlegen, wie sich ein Gegenstand in seine ursprüngliche Welt einmal eingefügt hat.” Technisch sei es dabei kein Problem, das System auch mit anderen Datenbanken, als nur Knochenfunden zu füttern: “Klar könnte das auch mit Keramik, Steinen oder Tonpfeifen funktionieren!”

Allerdings ist der Traum vom archäologischen Minority Report noch ein sehr unruhiger: Das “ARtefactKit“ ist trotz der bisherigen Entwicklungsarbeit noch immer nur ein recht rudimentärer Prototyp, den Eve bisher ausschließlich im kleinen Rahmen, auf Game Jams wie dem Heritage Jam, vorgestellt hat. Eine Finanzierung oder andersweitige Unterstützung sei derzeit schlichtweg nicht in Sicht und so ruht aktuell auch die Arbeit an dem Programm, bis ein Museum oder ein archäologisches Institut auf sein Projekt aufmerksam wird. Dann könnte das “ArtefactKit“ allerdings wieder an Fahrt aufnehmen und vielleicht tatsächlich in den Universitäten, Ausbildungsräumen und Grabungsschnitten auftauchen und dort die alten Traditionen mit etwas Pioniergeist auffrischen.

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