Forschung Projekt RUST

Die Erforschung einer virtuellen Gesellschaft: Grundlagen und erste Schritte in “RUST Factions“

Projekt RUST ist ein Forschungsprojekt, das die Entwicklung einer virtuellen Spielwelt und ihrer Bewohner begleitet und dokumentiert.

Bis zu 400 Spieler bewohnen eine gigantische, virtuelle Insel. Es gibt keine Hauptquests, keine Mission, kein Storyline, kein roter Faden. Jeder Spieler kann selbst entscheiden, was er wo tun möchte.

Mit dieser faszinierenden Prämisse lockt das Videospiel RUST seit der Veröffentlichung im Jahr 2013 täglich zwischen 30.000 und 50.000 Spieler auf seine Server. Jeder dieser Server bildet dabei einen Mikrokosmos mit identischen Voraussetzungen: Ausgenommen einiger dutzender Community-Server ist die Spielwelt überall gleich geschaffen und bildet eine riesige Insel mit dichten Wäldern, Hügelketten und Graslandschaften. Hier können Spieler mit Hilfe eines rudimentären Baukastens Holz sammeln, Steine abbauen und einfache Gegenstände, Waffen oder auch Gebäude errichten. Was darüber hinaus auf den Servern passiert, liegt einzig und allein in den Händen der Spieler.

Ich habe in der Vergangenheit immer mal wieder Ausflüge auf verschiedene Server unternommen und lernte so unter anderem RUST-Spieler kennen, die als Teil eines Clans ganze Landstriche der Spielwelt annektiert hatten und über die dortigen Bewohner herrschten: Ähnlich einer virtuellen Feudalgesellschaft spendeten sie Anfängern und weniger erfahrenen Spielern Schutz, wenn diese für die Clan-Herrscher regelmäßig Ressourcen sammelten und als Tribut abgaben.

Dieser faszinierende Einblick führte mir das Potential von RUST als Forschungsobjekt für Archaeogaming, also die Verbindung von Archäologie und Videospielen, vor Augen: Auf den Servern dieses Spiels entstehen fast täglich neue Spielergemeinschaften und Bündnisse, die riesige Festungen errichten, Dörfer gründen, als Banden umherziehen und Gesellschaftsordnungen etablieren. Systematisch dokumentiert und begleitet wurde diese Prozesse allerdings noch nie, was mich schließlich zum Anstoß des Projekts RUST geführt hat. Mit diesem Projekt will ich systematisch die Entwicklung einer virtuellen Gesellschaft auf einem der RUST-Server begleiten und regelmäßig mit den Einwohnern als Zeitzeugen sprechen. Dabei werden mich vor allem drei Fragen anleiten:

  • Welche Gesellschaftsordnungen (Demokratie, Anarchie, Oligarchie, …) entwickeln sich in den virtuellen Lebensgemeinschaften – und warum?
  • Entwickelt die virtuelle Spielwelt und ihre Bewohner ein Bewusstsein für ihre eigene Vergangenheit? Gibt es ein kulturelles Gedächtnis im virtuellen Raum?
  • Formen und prägen die unterschiedlichen Lebensgemeinschaften eine eigene archäologische Kultur? Entwickeln unterschiedliche Clans beispielsweise verschiedene Architekturstile für ihre Siedlungen oder führen bestimmte Rituale ein?

Grundlegendste Regel für meine Forschungsarbeit ist dabei die sogenannte „archäologische Zurückhaltung“: Ich darf in der Spielwelt weder Gebäude oder Gegenstände zerstören, noch reparieren, noch auf irgendeine andere Weise manipulieren. Ich bewege mich durch die Welt als Beobachter und interagiere nur mit meiner Umwelt, um mich mit den Bewohnern zu unterhalten oder bestimmte Bereiche zu betreten. Das soll garantieren, dass meine Handlungen nicht die Entwicklung der Spielwelt auf irgendeine Weise beeinflussen.

Das Forschungsobjekt: Der Server “RUST Factions”

Offen blieb eine ganze Zeit lang die wichtige Frage, wo ich diese Forschungsarbeit beginnen würde. Nach einigem Suchen stieß ich schließlich auf einen Server, der sich ganz besonders gut für meine Arbeit eignet: RUST Factions.

Innerhalb des RUST-Universums gehört dieser Server zu den bekanntesten Spielwelten überhaupt. Anfang der 2010-er Jahren wurde RUST Factions mit der Idee ins Leben gerufen, ein gigantisches Rollenspiel zu simulieren: Jeder Bewohner dieses Servers muss in eine Rolle schlüpfen und diese während seines Aufenthalts einhalten – Gespräche über “Realthemen“ wie Trump, deutsche Außenpolitik, Smartphones oder Pokémon sollen vermieden werden, um allen Spielern die größtmögliche Immersion in die Spielwelt zu bieten.

Doch die Idee des Rollenspiels geht noch weiter: Spieler dürfen eigene Fraktionen gründen, Land annektieren, Städte errichten, Handel etablieren und Diplomatie mit anderen Fraktionen betreiben. Geregelt wird dieser Austausch miteinander zum einen über den Textchat auf dem Server selbst, zum anderen über eine eigene Discord-Gruppe und das offizielle Subreddit. Was darüber hinaus auf diesem Server passiert, liegt ganz in den Händen der Spieler und ihrer Fraktionsanführer.

Um mir einen ersten Überblick zu verschaffen (und mein technisches Equipment zu testen), unternahm ich einen ersten Spaziergang durch diese Welt und landete nach meinem Log-In an einem vom Spiel zufällig ausgewählten Ort. Der Vergleich meiner Position auf der Landkarte mit der großen Übersichtskarte zeigt, dass ich irgendwo im Südwesten der Insel angekommen sein muss – direkt vor den (nicht vorhandenen) Toren einer Stadt namens “Convexo City“.

Startpunkt
Mein Startpunkt (gelber Punkt) in der Welt von RUST Factions. (CR: Facepunch Studios)

Meine ersten Schritte in dieser Siedlung könnt ihr nachfolgend ansehen. Generell wird die Dokumentation meiner Arbeit mit Hilfe von Videos ein wichtiger Bestandteil der Forschung sein – nicht zuletzt, um euch ein eindrücklicheres Bild dieser faszinierenden Spielwelt zu ermöglichen.

Während meines ersten kurzen, etwa halbstündigen Spaziergangs durch “Convexo City“ traf ich bereits den Bürgermeister der Siedlung, der mir ein anderer Spieler namens „Asterix“ vorstellte. Ein echtes Gespräch kam noch nicht zustande, da ich mein Mikrofon noch nicht angeschlossen hatte.

Mit “Asterix“ habe ich am Ende meines Spaziergangs verabredet, dass er mich bald durch die Stadt führen wird und mir ein wenig mehr über die Ursprünge der Siedlung und den Grund verraten will, warum die Stadt zum Zeitpunkt meiner Ankunft so auffällig still und menschenleer war. Ein vielversprechender, überraschend gastfreundlicher Auftakt.

Bürgermeister
Der maskierte und bewaffnete Bürgermeister (links) begrüßt mich und Spieler „Asterix“ in seiner Stadt „Convexo City“ (CR: Facepunch Studios)

Und damit beginnt Projekt RUST ganz offiziell. Ich bin gespannt, wohin mich diese Reise führen wird und werde in dieser Artikelreihe regelmäßig meine Begegnungen und Erlebnisse dokumentieren.

Wer dieses Projekt und ArchaeoGames unterstützen möchte, ist herzlichst eingeladen, diesem Patreon-Link hier zu folgen – neben einem gigantischen Dankeschön für jede noch so kleine Hilfe warten dort außerdem einige tolle Rewards auf alle Unterstützer.

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