Ein Spaziergang durch die neue Heimat von Kratos

Kratos, Götterbezwinger und cholerischer Spartaner, kehrt mit dem neuen God of War seiner alten Heimat den Rücken und muss sich in einer ganz neuen Welt zurechtfinden: Vorbei sind die Zeiten, als er sich mit Athena, Zeus, Minotauren und Kentauren herumschlagen musste – stattdessen warten nun Begegnungen mit den nordischen Göttern, Wölfen und Trollen auf den sichtbar älter gewordenen Kratos. Doch damit enden die Herausforderungen noch nicht: Der ergraute Spartaner muss auch auf seinen Sohn Atreus Acht geben, der kurz nach dem Tod seiner Mutter eine neue Leitfigur in seinem Leben braucht.

Hier beginnt das neue God of War und hier beginnt auch der ArchaeoGames-Spaziergang, der euch Kratos neue Heimat ein wenig genauer vorstellen will.

Disclaimer: Dieser Spaziergang verzichtet selbstverständlich auf Spoiler und zeigt nur etwa die ersten fünf Minuten des Spiels.

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God of War_20180409110509God of War_20180409110515God of War_20180409110528God of War_20180409110539God of War_20180409110548God of War_20180409110610

Kratos steht in einem Wäldchen, in seinen Händen ruht eine schwere Axt, während sein Blick den Stamm eines Baumes fixiert. Er wirkt widerwillig und grimmig und sein Blick scheint sich noch weiter zu verhärten, als er einen goldenen Handabdruck auf der Rinde entdeckt. Aber auch diese Entdeckung bewahrt den Stamm nicht vor seinem Schicksal und so fällt der Spartaner den Baum mit einigen harten Schlägen.

Ich schiebe es gleich vornweg: Ich liebe diesen Einstieg in das neue God of War sehr, insbesondere die Entscheidung der Entwickler, Kratos als neue Waffe eine Axt in die Hände zu drücken. Klar, dieses Instrument passt nur zu gut in die nordische Welt, die unser popkulturell vorbelastetes Hirn mit axtschwingenden Wikingern verbindet. Doch weitaus interessanter ist die Symbolik der neuen Waffe, mit der die Entwickler – wissentlich oder versehentlich – einen echten Volltreffer gelandet haben.

So handelt es sich bei der Axt um ein unglaublich aufgeladenes Motiv, das in fast allen Kulturkreisen der Welt nicht nur als Waffe, sondern auch Symbol gebraucht wird. Werfen wir zuerst einen Blick in die griechische Bilderwelt, mit der Kratos dank seiner Herkunft besonders eng verbunden ist: Hier kennen Archäologen die Labrys, eine Doppelaxt, die schon in der frühen Bronzezeit (ca. 2000 v. Chr.) in Bildern auftaucht und vor allem als zeremonielles Instrument interpretiert wird. Die Labrys steht, um einen komplizierten und noch nicht beendeten Forschungsdiskurs zu verkürzen, in der antiken Bilderwelt für die Schnittstelle zwischen Göttern und Menschen. Gleichzeitig symbolisiert sie Anfang und Ende, den Kreis des Lebens aus Tod und Geburt.

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Goldene minoische Labrys (Archäo­logisches Museum in Heraklion, Kreta)

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Axt von Kratos mit nur einer Schneide an besonderer Symbolkraft: Kratos hat seiner Vergangenheit und seiner göttlichen Herkunft den Rücken gekehrt, um ein normales Leben im hohen Norden zu führen. Er verleugnet seinen Ursprung und seine Abstammung. Er ist nicht „vollständig“, eine Schneide seiner Waffe fehlt.

Uns steht allerdings noch ein weiterer Hintergrund zur Verfügung, der sich als Interpretation dieser Eröffnungsszene geradezu aufdrängt: Die Traumdeutung. Hier steht die Axt (egal, wie viele Schneiden sie nun besitzt) für Konflikte, die ausgetragen werden müssen. Wer die Axt selbst trägt und schwingt, so die Traumdeutungslehre, agiert egoistisch und ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer.

Auch diese Interpretation gewinnt an Glaubwürdigkeit, je länger wir in der Spielwelt von God of War unterwegs sein werden – allerdings möchte ich hier noch nicht allzu viel dazu verraten. Aber behaltet das mal im Hinterkopf, wenn ihr selbst God of War spielen solltet!

God of War_20180409110622God of War_20180409110630God of War_20180409110644God of War_20180409110648Nachdem er den Baum gefällt hat, bemerkt Kratos, dass ein Teil seiner Armbinde lose geworden ist. Durch den Verband erkennen wir verkrustetes Blut – Spuren seiner alten Waffen, die Klingen der Athena, die für seine gewalttägige Vergangenheit stehen. Als sein Sohn Atreus dazukommt, dreht sich Kratos weg. Sein Sohn soll nicht sehen, was dem Spartaner so schwere Gedanken bereitet.

Wer die Andeutungen in Form der Axt, die ich oben beschrieben habe, nicht bemerkt hat, wird spätestens jetzt vom Spiel abgeholt: Kratos kämpft noch immer mit seiner Vergangenheit und will diesen Kampf nicht vor seinem Sohn austragen. Euren Blick will ich aber vielmehr auf die Kleidung von Kratos und Atreus lenken: Kratos trägt eine leichte Lederrüstung, die Schulter, Brustbereich und Arme schützt.

Auch seine Hüfte wird von mehreren Schichten Leder geschützt, die allerdings grob und unregelmäßig geschnitten sind. Über die Kleidung von Kratos werde ich wohl noch mal an anderer Stelle mehr Worte verlieren, aber hier möchte ich doch anmerken, wie bewusst die Entwickler mit unserer Vorstellung eines Klischee-Barbaren spielen: Muskelbepackt, überaus maskulin, Lederrüstung, die aber nur grob bearbeitet ist – Classic Fantasy der 1980-er und 90-er Jahre lässt grüßen!

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Der Archetyp des modernen Barbaren wurde von Frank Frazetta mit diesem Bild geschaffen.

Kratos Sohn Atreus scheint auf den ersten Blick deutlich angemessener an die klimatischen Umstände des Norden angepasst zu sein: Er trägt mehrere Schichten Leinenkleidung und ein dickes Fell, das ihn warm halten soll. Der Unterschied zum Dresscode seines Vaters könnte nicht größer sein.

God of War_20180409110728God of War_20180409110917God of War_20180409110949God of War_20180409111017God of War_20180409111033God of War_20180409111112God of War_20180409111125Kratos und Atreus bringen den gefällten Baum in ihr Zuhause – eine notdürftig zusammengebaute Holzhütte mitten im Wald. Atreus sprintet schließlich voran und spricht ein stummes Gebet am gebetteten Leichnam seiner Mutter. Kurz darauf tritt Kratos in den Raum, ein breiter schwarzer Schatten, der im Türrahmen verharrt. 

Auf dem Weg zum Zuhause des ungleichen Duos lernen wir die neue Welt von Kratos noch ein wenig besser kennen: Marmorgebäude, Palastarchitektur und Heiligtümer Griechenlands sind der Waldlandschaft des Nordens gewichen, in die sich die Holzhütte sehr natürlich einbettet.

Inmitten des sehr spärlich eingerichteten, düsteren Wohnraums liegt der Leichnam von Atreus Mutter. Eingewickelt in gefärbte Leinentücher wird sie dort von Atreus mit einem Gebet angesprochen. Hier erfahren wir, dass die feierliche Verbrennung der toten Frau kurz bevorsteht – ein Ritual, das nach aktuellem Kenntnisstand durchaus typisch für den nordischen Totenkult, in der griechischen Antike hingegen ungewöhnlich war.

Kratos dürfte aus seiner Heimat – mit Vorsicht vermutet – vor allem die Körperbestattung mit dauerhaften Gräbern und Grabbeigaben kennen. Doch unabhängig davon, wie vertraut Kratos mit dem Totenritual seines Sohnes und des Nordens vertraut ist, die Bildsprache legt auch hier viel Wert darauf, den Spartaner als Fremdkörper zu inszenieren: Als breiter, dunkler Schatten steht er einige Sekunden lang im Türrahmen und weiß nicht, wie er sich in die Trauerszene vor ihm einfinden soll.

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Cowboy-Schauspieler John Wayne in „Der schwarze Falke“

Filmliebhaber sind mit diesem Bild gut vertraut: Die einsame Figur, der tragische Held, der ausgestoßene Charakter wird hier gerne gerahmt und „eingeschlossen“ gezeigt, um seine Sonderstellung klarzumachen. Auch Kratos nimmt diese Sonderstellung ein – er fühlt sich in seinem neuen Zuhause noch lange nicht so willkommen, wie er es sich bei seiner Ankunft wohl erhofft hat. Das zumindest verraten uns die zahlreichen Bilder und Details, die sich in den ersten fünf Minuten von God of War direkt vor unseren Augen verborgen halten.

Dom Schott

Dom Schott hat Archäologie studiert und schreibt als freier Journalist besonders gerne über spannende Online-Communities, Archaeogaming und seine zwei Kater.