Eine Millionen SpielerInnen nach einem Monat: Woher kommt die Faszination an Mordhau?

Mordhau ist ein Phänomen: Stunden nach der Veröffentlichung im April 2019 gehörte das mittelalterliche Multiplayer-Schachtfeldspektakel zu den Top Sellern auf Steam, rund einen Monat später hatte sich Mordhau bereits über eine Millionen Mal verkauft. Nicht nur das gerade mal zehnköpfige Entwicklerteam Triternion zeigt sich von diesem Erfolg überrascht: Woher kommt diese riesige Faszination an einem Spiel, das im Grunde nicht mehr zu bieten hat, als schwer gerüstete Ritter, die sich einander mit noch schwereren Waffen auf den Kopf hauen?

ArchaeoGames ist in die Mordhau-Communit abgetaucht und stellte genau diese Frage sowohl Veteranen der ersten Stunde, als auch begeisterten Anfängern. Und so haben sie geantwortet

Der 23-jährige Schwede Daniel ist wohl das, was die Mordhau-Entwickler als „Hardcore-Fan“ beschreiben würden. Mehr als 900 Stunden hat der Azubi seit Launch im April diesen Jahres schon auf den Online-Schlachtfeldern verbracht, während er sich in seinem echten Leben zum Bergführer ausbilden lässt. Schon früh begleitete er das Entwicklerteam seines aktuellen Lieblingsteams: „2013 habe ich angefangen, viel, viel Zeit mit Chivalry: Medieval Warfare zu verbringen und es hat mir echt richtig gefallen. Ich spielte sogar einige Male mit den späteren Mordhau-Entwicklern zusammen, die selbst erklärte Fans von Chivalry sind.“

Als Daniel dann im Ingame-Chat von Chivalry: Medieval Warfare von der Kickstarter-Kampagne erfuhr, die die Entwicklung an Mordhau finanzieren soll, war er sofort begeistert: „Für mich sah das nach einer Weiterentwicklung von Chivalry an den genau richtigen Stellen aus. Ich unterstützte also die Entwickler und spiele Mordhau nun seit der Alpha fast täglich.“ Am meisten gefällt dabei Daniel die Tatsache, dass das augenscheinliche simple Kampfspiel viel Raum für Strategien, Taktiken und experimentelle Techniken lässt. Wer will, kann hier ein echter Schwertmeister werden – „aber auch schwer betrunken und ohne jeglichen Ehrgeiz lässt sich viel Spaß mit Mordhau haben. Das ist fantastisch!“

Mordhau ist der Liebling einer ganz besonderen YouTube-Community

Fast alle der knapp fünfzig SpielerInnen, die auf die ArchaeoGames-Interviewanfrage antworteten, schrieben ganz ähnliche Dinge wie der 23-jährige Daniel: Viele schätzen das Spielniveau von Mordhau, das zwischen all dem wüsten Geschlage und Gekloppe auch komplexe Strategien, Finten, Drehungen und weitere Taktiken ermöglicht – aber eben auch Spaß macht, wenn man sich nicht sonderlich anstrengen möchte, sondern lediglich auf ein paar Glückstreffer hofft.

Neben diesen SpielerInnen gibt es allerdings noch eine weitere, große Gruppe in der Mordhau-Community, die unabhängig von ihren spielmechanischen Fähigkeiten vernarrt in Mordhau sind: Die HEMA-Fans von YouTube.

HEMA ist die Abkürzung für „Historic European Martial Arts“ und meint historisches Fechten, das auf den überlieferten Lehrbüchern der Renaissance-Lehrmeister basiert. YouTuber wie Skallagrim und Shadiversity produzieren regelmäßig Videos über diese Sportart, erklären Kampftechniken, analysieren fiktive Rüstungen oder testen historische Waffen. Ihnen ist Mordhau früh aufgefallen. Fast alle großen HEMA-YouTuber sprachen zumindest zum Release über dieses Spiel und diskutierten  überwiegend sehr angetan – über dieses Spiel, das einen so großen Wert auf Waffen und Rüstungen legt, die möglichst nah an den historischen Vorbildern heranreichen. Diese Faszination der Vorstellung, „wie ein echter Ritter“ kämpfen zu können – inklusive passender Ausrüstung – motivierte viele HEMA-Fans zum Kauf. 

Einer von ihnen ist der 21-jährige Student Chris aus Kanada, der ein langjähriger Skallagrim-Zuschauer ist und auch über ihn von Mordhau erstmals erfuhr: „Die Entwickler haben ein Easter Egg in einem Trailer eingebaut, bei dem ein Ritter den Griff seines Schwertes abdreht und diesen auf seinen Gegner wirft. Das ist sowas wie ein Meme innerhalb der HEMA-Community auf YouTube und hat mir gezeigt, dass die Entwickler Teil der gleichen Szene wie ich sind, und nicht irgendeine gesichtslose Riesenfirma. Da stand für mich der Kauf fest.“ Den Kauf hat Chris nicht bereut: Die Faszination an den „historischen Kämpfen“ von Mordhau trägt für den Kanadier seit über 200 Spielstunden, ein Ende ist nicht in Sicht – wie bei so vielen SpielerInnen, die in der HEMA-Community auf Mordhau stießen.

Die Community ist freundlich und einladend – wenn man an den richtigen Orten sucht

Wer nicht aus der HEMA-Ecke kommt oder wegen der spielmechanischen Finesse von Mordhau begeistert ist, bleibt dem Spiel wegen eines dritten Grundes treu: Der Community, die von der Mehrheit der Befragten als einladend, freundlich und humorvoll beschrieben wurde. Der 24-jährige Mike aus New Jersey gehört zu den SpielerInnen, die diese Community wertschätzen: „Nach über 200 Spielstunden sind es meine MitspielerInnen, die mich immer wieder zurück auf die Serverholen. Klar, bei jedem Online-Spiel gibt es toxische Idioten und Trolle, aber die Mehrheit der Leute auf den Mordhau-Servern scheinen wirklich nett zu sein und sich gegenseitig Tipps zu geben!“ Die Beziehungen zu der Mordhau-Community waren für Mike schließlich so innig, dass er mit einigen MitspielerInnen einen Clan gründete, der auf den virtuellen Schlachtfeldern römische Kampftaktiken nachstellt – mal mehr, mal weniger erfolgreich, aber immer unterhaltsam für alle. 

Mit meinen eigenen Erfahrungen decken sich diese positiven Berichte über die Mordhau-Community allerdings nicht. Auf fast jedem Server begegnete ich SpielerInnen, die üble Schimpworte und homophobe Beleidigungen in den Chat hämmerten. Rassistische Witzeleien begleiteten mich während vieler Spielstunden. Und während ich das selbst durchaus von anderen Multiplayer-Titeln kenne, habe ich bei Mordhau kein einziges Mal erlebt, dass ein Administrator hart durchgreift und Leute von einem Server entfernt. Vielleicht liegt das daran, dass Mordhau nirgends gut einsichtbar Verhaltensregeln formuliert, vielleicht liest aber auch schlichtweg kaum jemand den Global Chat im Spiel mit. 

Fakt ist: Mit etwas Glück und an den richtigen Orten zeigt sich die Mordhau-Community als freundlich und inklusiv, in vielen anderen Spielrunden hingegen nicht. Bemerkenswert – und besorgniserregend – ist allerdings, dass Mordhau über einen Monat nach Release und mit mehr als über eine Millionen SpielerInnen noch immer keine funktionierende Moderationspolitik auf den eigenen Servern durchsetzt. Die Zeit wird zeigen, ob daraus noch ein Problem für das Entwicklerteam erwachsen wird, oder nicht. Bis dahin bleibt Mordhau ein Phänomen, das einen Blick und Besuch wert ist.