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Erinnerungskultur & Kaffeetassen: Wie Horizon Zero Dawn das Beste aus Collectibles macht

Es ist kein Zufall, dass Kaffeetassen in Horizon: Zero Dawn eine so wichtige Rolle spielen.

Die erste Menschengemeinschaft, die wir in Horizon: Zero Dawn kennenlernen, sind die naturverbundenen Nora: Sie leben in kleineren, von Holzpalisaden geschützten Siedlungen, verehren eine Allmutter-Gottheit und betrachten maschinelle Technologien argwöhnisch und misstrauisch – und das nicht ohne Grund: Die Nora erzählen sich seit Generationen die Geschichten ihrer Vorfahren, die ihre Wurzeln aus den Augen verloren hatten und sich Maschinen als metallene Sklaven hielten. Der Untergang dieser technikverliebten Zivilisation sei laut der Nora unabwendbar gewesen und habe bewiesen, dass die Menschen nur im Einklang mit der Natur überleben können.

Der Blick auf die eigene Vergangenheit legitimiert und organisiert das Zusammenleben der Nora und deswegen ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass die Erinnerungen an diese Vorgeschichte so ausführlich und eindringlich wie nur irgendwie möglich am Leben gehalten werden: Wenn wir an der Seite der Titelheldin Aloy durch eine der Nora-Siedlungen spazieren, können wir die Dorfältesten dabei belauschen, wie sie den Kindern von dem Verrat der Maschinen erzählen. Felswände tragen Malereien, die Hochhäuser und riesige Monster zeigen, vor denen kleine Strichfiguren mit erhobenen Händen fliehen. Und sobald wir den Schutz der Dörfer hinter uns gelassen haben, stoßen wir meist schon nach wenigen hundert Metern selbst auf alte Hausruinen, verwitterte Straßenzüge und verfallene Denkmäler, die als stumme Zeitzeugen an die Ereignisse vor Jahrhunderten erinnern.

„Antike Glockenspiele“ nennt Aloy die Schlüsselbänder, die sie in ihrer Welt findet und benennt die Objekte aus Unwissenheit über ihre ursprüngliche Funktion nach dem Geräusch, wenn das Metall der Schlüssel gegeneinander schlägt.

Die Vergangenheit ist in der Welt von Horizon: Zero Dawn allgegenwärtig — und ausgerechnet Keramiktassen, wie sie jeder von uns täglich benutzt, genießen in diesem Zeitzeugen-Katalog eine außergewöhnlich prominente Rolle.

Diese Tassen gehören in der Welt von Horizon: Zero Dawn zu den wenigen Sammelgegenständen, von denen jeder über eine eigene Grafik, einen individuellen Beschreibungstext und einen sorgsam ausgewählten Fundort verfügt. Die Entwickler heben diese Objekte ganz bewusst aus dem Inventarbrei heraus und unterscheiden sie unübersehbar auch von anderen sammelbaren antiken Gegenständen wie Feuerzeugen oder Armbanduhren.

Diese Tasse beschreibt Aloy als „antikes Gefäß, dass die Inschrift ‚Wayfarers‘ trägt“ und bemerkt den hohen Wert des Fundes auf dem „Kunstmarkt“ der Spielwelt.

Eine Frage liegt nun auf der Hand: Wieso ausgerechnet Tassen? Die Antwort hierauf ist überraschenderweise ein spannender Kopfsprung in die Grundlagen der Archäologie — und ein verdammt kluger Weg, Collectibles sinnvoll in eine Spielwelt einzugliedern.

„Das alles hier ist sinnlos, wenn ihr nur die Augen öffnet, aber nicht seht.“

Mit diesen Worten begann ein alter Dozent von mir regelmäßig seine Vorlesungen über griechische Vasenmalerei – ein Zitat, das hier außerordentlich gut passt. Keramik ist in der archäologischen Forschung ein sehr wichtiger Ansatzpunkt, um Geschichte zu rekonstruieren: Sie wurde seit der menschlichen Frühgeschichte in allen Epochen massenhaft hergestellt und hat sich, wenngleich auch oft stark beschädigt, bis heute erhalten. Sie wurde in vielen Bereichen des menschlichen Lebens verwendet und ist als Träger von verschiedensten Bildmotiven und Kunstformen ein wertvoller Zeitzeuge ihrer Epoche — wenn die Symbole, Chiffren und Bilderwelten richtig interpretiert werden können.

Auf den ersten Blick zeigt dieses Keramikfragment vier Personen und einen Pferdemenschen, die mit Ausnahme des Mischwesens nach rechts gewandt sind.

Einige der Gestalten tragen tote Tiere und Pflanzen mit sich und scheinen durch die Bank weg hervorragend gelaunt zu sein. Auch einige Inschriften fallen auf, die die Figuren umgeben – mehr allerdings verrät die Darstellung zunächst nicht. So dürfte sich Aloy fühlen, wenn sie eine der gefundenen Tassen in ihren Händen hält.

Wer nun allerdings die richtigen Bildchiffren und Symbole kennt, kann noch deutlich mehr Informationen aus dieser Darstellung ziehen: So kennzeichnet in der griechischen Vasenmalerei eine weiße Hautfarbe weibliche Figuren, während die dunklere Tönung den männlichen Figuren vorbehalten ist. Die Weinpflanze in den Händen der bärtigen, männlichen Gestalt ist ein Symbol des griechischen Gottes Dionysos, der von der altgriechischen Inschrift als genau dieser ausgewiesen wird. Ihm folgt der Kentaur Chiron, der ebenfalls eine prominente Figur in der griechischen Mythologie ist. Zählen wir nun nach und nach die verbliebenen Bildhinweise zusammen, so können wir die Darstellung noch näher bestimmen und schließlich als Szene der Gastprozession zur Heirat zwischen Peleus und Thetis identifizieren.

Aloy allerdings verfügt nicht über diese detaillierten Kenntnisse der Vergangenheit, die über die Märchen ihres Stammes hinausgehen würden und daher ist für sie eine Tasse nur ein “Gefäß”, das eine “seltsame fliegende Maschine” oder eine geheimnisvolle Inschrift, wie den Namen eines Footballteams, trägt.

Eine weitere Tasse, die Aloy entdeckt hat, zeigt eine „seltsame, fliegende Maschine“, die den „Ältesten“ einmal sehr viel wert gewesen sein muss.

Für die junge Jägerin sind die Tassen mysteriöse, seltene Artefakte der Vergangenheit, die beim nächsten Händler einen stattlichen Preis erzielen, während wir noch rufen: “Nein! Das ist doch nur Alltagskram mit meinem Namen drauf!”, aber diese Botschaft geht ohne eine archäologische Entschlüsselung in der Welt von Horizon: Zero Dawn auf dem Weg zum Empfänger verloren.

Damit sind diese Tassen ein Paradebeispiel für sinnvoll und klug verbaute Sammelgegenstände im häufig mit Gütern überladenen Open World-Genre: Sie ergeben zum einen innerhalb der Spielwelt als Fundgegenstände Sinn und spiegeln zum anderen die märchenhafte Überlieferungstradition in der Nora-Kultur wieder, die ohne eine eigene Geschichtswissenschaft auskommt. Horizon: Zero Dawn hat in der Archäologie eine tolle Vorlage gefunden, diese beiden Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, indem sich das Entwicklerteam eine der grundlegendsten Forschungsmethoden zunutze macht: Keramik als Zeitzeugen der Vergangenheit, die viel über längst untergegangene Lebenswelten zu erzählen haben — solange der Finder oder die Finderin wissen, worauf sie achten müssen.

9 Kommentare zu “Erinnerungskultur & Kaffeetassen: Wie Horizon Zero Dawn das Beste aus Collectibles macht

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  3. Auffallend ist auch, dass der Artefakthändler in Meridian partout nicht von der Meinung abweichen will, dass es sich bei den Tassen nicht um Trinkgefäße (wie von Aloy im Gespräch impliziert), sondern nur um rituelle Opfervasen oder um Gefäße zur Aufbewahrung kostbarer Salben handeln kann. Grund dieser Behauptung ist der Verweis auf den Hänkel. Interessant wäre die Nachforschung, in wieweit Trinkgefäße mit Hänkel in den verschiedenen Kulturen verwendet werden und wie verbreitet sie sind….*leisevorsichherdenkend*

    ps: Keep up the great work!

    • Oh, das ist eine hervorragende Ergänzung, die ich in meinem Spielverlauf noch gar nicht so oft feststellen konnte – bisher horte ich diese Tassen noch immer fleißig in meinem Inventar. Ich verfolge das weiter und schreibe ggf. bald eine kleine Ergänzung zu diesem Artikel! Danke!

  4. Muss zugeben, das ich die Tassen in Horizon auch nicht mit so viel Weitblick betrachtet habe. Da uns (wir leben aktuell ja in der Alten Welt nach Horizon Maßstab) Tassen weitgehend vertraut sind 😀 hatte ich mir nur gedacht, ach cool, Aloy weiß nicht was das ist und der Händler in Meridian hatte seine eigene Theorie, eine für mich sehr lustige sogar. Das es aber so tiefgründig sein kann, hat meinen Horizont doch etwas erweitert :p
    Ich liebe diese Essays und Easter Eggs in jeglichen Spielen, vor allem wenn man wie hier in deinem Beitrag lesen kann, was es damit auf sich haben kann, danke.
    Follow + like hast du 😉
    Gruß

  5. Sehr schönes Essay, das Lust auf mehr macht! Freu mich sehr, in Zukunft hier regelmäßig zu stöbern. Echt eine tolle Sache!

    Beste Grüße
    Axel

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