Forschung Projekt RUST

„Es ist unsere eigene, morbide Freiheitsstatue“: Die Geschichte eines sonderbaren Server-Denkmals

Die Community von "RUST Factions" ist stolz auf ihren Ruf, eine Hardcore-Rollenspiel-Community zu sein. Ein Bauherr hat diesem Ruf ein virtuelles Denkmal gesetzt – ohne das eigentlich beabsichtigt zu haben.

Der Server von RUST Factions ist innerhalb der Community des Survival-Spiels kein unbekannter Ort: Die strengen Rollenspiel-Regeln, die ausufernden Fraktionskriege und nicht zuletzt die regelmäßige Erwähnung des Servers im monatlichen Newsletter des Entwicklerteam haben den Bewohnern der Factions-Spielwelt eine gewisse Prominenz verschafft. Man ist stolz auf den eigenen Ruf – das kann ich immer wieder in meinen Gesprächen mit den Einwohnern des Servers feststellen.

Diese Erkenntnis führte mich schließlich zu einem großen Fragezeichen: Haben sich die Bewohner des RUST-Servers ein eigenes, greifbares Denkmal gesetzt, das ihren Stolz oder den Zusammenhalt ihrer Community symbolisiert? Aus der realen Menschheitsgeschichte kennen wir Gebäude dieser Art zuhauf: Monumentalarchitektur, die aus einem staatlichen oder privat organisierten Bauprogramm heraus entstanden ist, um der eigenen Kultur ein Denkmal zu setzen. Ja, selbst Orks, das klassische Synonym für Wildheit und Primitivität, setzen sich in der Fantasy-Spielwelt von Mittelerde: Schatten des Krieges eigene Denkmäler – warum also auch nicht die Spieler von RUST Factions?

Für meine Suche brauchte ich zuerst einen Startpunkt – und über den stolperte ich zufälligerweise in der Nacht, als die virtuelle Großstadt Capetown zerstört werden sollte. Während des seltsamen Abschiedsevents unterhielten sich einige Spieler im globalen Textchat über eine Kathedrale (“cathedral“), die ganz in der Nähe von Capetown errichtet wurde. Diese Bauwerk sei ein ziemlich beeindruckender Anblick und “die Leute müssen das unbedingt sehen“. Ich notierte mir also die Koordinaten und stattete der Kathedrale einen Besuch ab.

Ein bisschen wie Hogwarts

Es ist fast unmöglich, dieses Bauwerk zu übersehen: Malerisch an einem Binnenmeer gelegen, erhebt sich die Kathedrale auf einem natürlichen Felsmassiv über die Umgebung. Hohe Mauern und ein großes Eingangsportal rahmen das Hauptgebäude, dessen Aufbau an Haupt- und Seitenschiff einer mittelalterlichen Kirche erinnert – daher auch die Bezeichnung als “Kathedrale“, die sich in der Community durchgesetzt hat.

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Weil einige Landbesitzer keine Lust auf meinen Besuch hatten, konnte ich während meines Aufenthalts keine Frontalaufnahme von der Kathedrale machen. Aber selbst die Rückseite der „Kathedrale“ ist ein beeindruckender Anblick.

Trotzdem scheint dieses Gebäude nicht für religiöse Rituale genutzt zu werden: Ein Art Kassenhäuschen und Hinweisschilder, die auf das richtige Verhalten hinweisen, erinnern mehr an eine Touristenattraktion, als an ein Kult-Gebäude. Überall entdecke ich das Zeichen der TITAN-Fraktion, einer der von Spielern gegründeten Gemeinschaften des Spiels, die seit Server-Start dieses Fleckchen Land für sich beansprucht hat.

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Der Eingangsbereich der „Kathedrale“.
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Ein Treppenaufgang führt zum Eingang des Hauptgebäudes.
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Eine Art Kassenhäuschen erwartet die Besucher. Oben Links hängt eine Plakette, die zu einem ordentlichen Verhalten aufruft.
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Die Verhaltensregeln in der Großaufnahme („1. Mach nichts kaputt, 2. MACH WIRKLICH NICHTS KAPUTT, 3. Holstere deine Waffe, 4. Drinnen niemanden umbringen – macht das draußen.“)
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Im Eingangsbereich der „Kathedrale“ hängt eine Spendenbox, in die Gäste Baumaterialien für die Instandhaltung oder andere Gaben zurücklassen können.

Das Innere der “Kathedrale“ erinnert an Hogwarts in der Halloween-Nacht: Lange, altmodische Holztische beherrschen das Hauptschiff, an dessen Kopf weitere Stühle für mutmaßlich gehobenes Personal reserviert sind. An den Wänden hängen, mal dicht gedrängt, mal locker verteilt, zahlreiche Bilder: Sie zeigen entweder historische Kunstwerke wie die Mona Lisa, oder zeitgenössische Alternative Art mit Horror-Motiven. Selbst zwei Barbecue-Grills haben einen Platz im Eingangsbereich gefunden.

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Der Blick in die Haupthalle, der von großen, länglichen Holztischen beherrscht wird. Bemerkenswert sind die Bilder, die von Katzendarstellungen bis hin zu Propaganda-Postern kaum ein Motiv auslassen.
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Blick vom Tischende in die Halle hinein.
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Besteck und Geschirr für bis zu 22 Gäste steht bereit.
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Beispiele für die Bilder, die in der Halle hängen.
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Alle Bilder sind Favoriten des Architekten.
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Am Kamin ist Platz für gehobene Gäste.

Die anderen Bereiche der Anlage sind für mich nicht zugänglich: Sie sind entweder von schweren Türen oder Stacheldraht versperrt.

Zunächst bin ich ein wenig ratlos, wie ich das Gebäude einzuordnen habe: Es ist ohne Zweifel ein beeindruckend großer und aufwändig dekorierter Bau, dessen Hauptteil zu meiner großen Überraschung für alle Spieler zugänglich ist. Für welche Zwecke aber wurde er genutzt? Ich mache mich auf die Suche nach dem Bauherren, um mehr über die Kathedrale zu erfahren und bin schließlich erfolgreich: Nach kurzer Reddit-Suche gibt sich der Spieler “MadMaxGamer“ als Architekt zu erkennen und weiht mich in einem Interview in die Geschichte der Kathedrale ein.

Ich baue unheimlich gerne große Gebäude und versuche, die Engine von RUST immer wieder auf’s Neue auszureizen. Die Kathedrale, die eigentlich mal ein Schloss sein sollte, ist dabei mein Meisterwerk geworden. Das Dach ist das Maximum von dem, was die Engine zulässt – höher und größer kann man nicht mehr bauen.” Neben der bautechnischen Herausforderung musste “MadMaxGamer“ aber zuerst ein ganz grundlegendes Problem lösen: Er brauchte Baumaterial. Sehr viel Baumaterial. “Ich habe über 300.000 Steine und 70.000 Holzbretter gesammelt. Das hat mich gut zwei Tage gekostet, mehr als fünf Stunden Schlaf waren für mich in dieser Zeit nicht drin.”

Eine Event-Location mit Symbolcharakter

Wer schon einmal RUST gespielt hat, kann erahnen, wie viel Anstrengung hinter diesen riesigen Zahlen stecken muss: Um Rohstoffe zu ernten, muss man mit einem geeigneten Werkzeug auf das gewünschte Baumaterial einschlagen. Jeder Schlag, also jeder Mausklick, transferiert eine feste Menge an Ressourcen in die eigene Hosentasche. Ein Schlag gegen einen Baumstamm liefert dabei 20 Einheiten “Holzbrett“. Wenn “MadMaxGamer“ also beispielsweise schreibt, dass er 70.000 Holzbretter gesammelt hat, um die Kathedrale bauen zu können, muss er 3.500 Mal auf seine Maustaste gedrückt haben – Sehnenscheidenentzündung, ich höre dich leise trapsen.

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„MadMaxGamer“ hat auch einige frische, unbemalte Leinwände zurückgelassen, auf denen sich die Gäste und Touristen austoben können.

Aber für den Bauherren, der das komplette Gebäude übrigens im Alleingang errichtet hat, war sein Ziel dieser Aufwand wert: Er wollte eine Art Event-Location für die RUST-Community errichten, in der sich Spieler treffen können, um Hochzeiten zu feiern, Meetings abzuhalten oder einfach nur im geschlossenen Raum zu grillen. Während des Interviews erfuhr ich auch, was sich in den Gebäudeteilen verbirgt, zu denen ich keinen Zutritt hatte: “Hier lagert Grillgut, Kohle, etwas Fleisch. Wenn jemand das Gebäude bei mir – gratis – mietet, dann bekommt er den Schlüssel zu den Vorratsräumen.”

Die “Kathedrale“ mit der morbiden Inneneinrichtung und der beeindruckenden Fassade ist also eine Event-Location, die auf dem Factions-Server durchaus bekannt ist. Doch auf gewisse Weise ist sie noch mehr, als ein gigantischer Partyraum, wie mir im Gespräch mit einem regelmäßigen Gast und Veranstalter solcher Party klar wird. Der Spieler, der anonym bleiben möchte, um weiterhin seine kleinen Privatfeiern in den Räumlichkeiten von “MadMaxGamer“ abhalten zu können, sieht diese Anlage als ein Symbol, das die Besonderheiten der Factions-Community auf den Punkt bringt: “Auf welchem anderen Server dieses Spiels kannst du denn so ein beeindruckendes Gebäude bauen, ohne dass du von irgendwelchen Leuten gestört oder angegriffen wirst? Und jetzt steht diese Kathedrale schon seit Wochen in der Landschaft herum und niemand hat auch nur einen Stein aus der Mauer gebrochen? Sowas ist nur auf diesem Server hier möglich, das sage ich dir.”  Damit hat der Party-Veranstalter durchaus einen Punkt. der hier nicht nur regelmäßig Freunde zum Essen einlädt, sondern auch organisierte Faustkämpfe veranstaltet.

Die RUST-Community ist bekannt und berüchtigt für ihre anarchischen Tendenzen auf vielen Servern, die nicht allzu viel Wert auf Regelwerk legen. In der Welt von RUST Factions hingegen werden grundlose Angriffe oder Kriege ohne Kriegserklärung schwer geahndet, indem die Täter entweder verwarnt oder dauerhaft von den Admins gebannt werden. Dieser Regelkatalog erlaubt damit Spielern wie “MadMaxGamer“, so große und ehrgeizige Bauvorhaben wie seine “Kathedrale“ umzusetzen und damit nicht nur einen öffentlichen Platz für seine Mitspieler zu errichten, sondern indirekt auch seiner Community ein sonderbares Server-Denkmal zu setzen. “Es ist unsere eigene, morbide Freiheitsstatue – ein Symbol dafür, was möglich wird, wenn sich alle an ein paar Regeln des Zusammenlebens halten“, erklärt mir der anonyme Party-Veranstalter, bevor er mich herzlich zu einer seiner nächsten Feierlichkeiten in der “Kathedrale“ einlädt. Auch der Dress Code steht schon fest: Alle Gäste sollen unbekleidet kommen und jeweils einen großen Stein mitbringen.

Ich bin gespannt, mit welcher Geschichte ich von dieser unverhofften Party zu euch zurückkehren werde.

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