Hey Assassin’s Creed, du hast da jemanden vergessen!

Assassin’s Creed erzählt seit 2008 fast jedes Jahr eine neue Geschichte von längst verstorbenen, legendären Assassinen, die sich in den großen Konflikten der Menschheitsgeschichte auf eine Seite schlagen. Während sich die Protagonisten dieser Abenteuer als Cover Stars in unser Gedächtnis einprägen, verblassen zumindest aus meinem Hirn bald nach dem Abspann die Erinnerungen an eigentlich erinnerungswürdige Nebencharaktere — oder könnt ihr noch Namen wie Ned Wynert, Juan Borgia oder Claudia Auditore da Firenze mit einem Gesicht verbinden? Eben.

Nun aber stellt sich heraus, dass offenbar nicht nur wir SpielerInnen, sondern auch Ubisoft unter dieser Gedächtnisschwäche leidet — anders kann ich mir nicht erklären, warum eine ganz besonders spannende Person nie über einen Gastauftritt hinweggekommen ist, den womöglich nicht einmal alle Fans erlebt haben dürften. Gemeint ist die legendäre Assassinin Iltani, die niemand geringeres als Alexander den Großen vergiftet haben soll, ihre Geschichte aber bis heute nie selbst erzählen durfte.

Eine legendäre Mörderin

Ich stolperte über Iltani, als ich erst kürzlich für eine kleine Zeitreise in das Renaissance-Italien von Assassin’s Creed 2 zurückkehrte. Hier entdeckte ich unter der Kuppel der riesigen Kirche Santa Maria del Fiore das Grab und eine Statue der Iltani. Ein secret area, das sicherlich viele Fans nie erreicht haben, denn der Weg hierher ist alles andere als einfach und führt über minutenlange, schwindelerregende Kletterpassagen quer durch das Innere des Sakralbaus.

Wie Assassin’s Creed 2 bald nach dem Fund verrät, ist Iltani eine der ersten Meuchelmörderinnen, die sich dem Credo der Assassinen verschrieben habe. Sie soll für den Tod von Alexander dem Großen verantwortlich gewesen sein, dem charismatischen Eroberer aus Makedonien, der Griechenland einigte, Ägypten unterwarf, dutzende Städte gründete und schließlich im Juni 323 v. Chr. verstarb.

Sein Erbe war ein Weltreich, sein Tod ein Mysterium, um das sich Nachfolger und Historiker gleichermaßen zerstritten. Und Iltani, so will es die Überlieferung von Assassin’s Creed, soll im Zentrum dieses historischen Todesfalls gestanden haben: Assassin’s Creed Chronicles: India erwähnt sechs Jahre nach ihrem Debut in Assassin’s Creed 2 die Mörderin mehrfach und verrät uns Teile ihrer Lebensgeschichte.

Die Statue von Iltani in ihrer Grabstätte unter der Kuppel der Kirche Santa Maria del Fiore.

So habe Iltani den makedonischen Eroberer Alexander zu ihrem Todfeind erklärt, nachdem er ihre Heimat Persien geplündert und verwüstet hatte. Der junge König soll dabei den Edenstab mit sich geführt haben, ein mächtiges Artefakt fremdartiger Götter, das er von den Templern erhielt — den „Bösen“ im Assassin’s Creed-Kosmos. Um den Feldzug des fremden Herrschers endlich zu beenden, plante Iltani den Mord an Alexander und reiste nach Babylon, wo sie von einem findigen Forscher ein tödliches Gift überreicht bekam. Der Rest ist Geschichte: Das Attentat gelang, Alexander verstarb und Iltani verschwand im Dunkel der Geschichte.

In meinen Ohren klingt das nach einer fantastischen Vorlage für ein neues Assassinen-Abenteuer, das quer durch die antike Welt führen würde: So könnten wir die Geschichte von Iltani nachspielen — oder die Zeit nach dem folgenreichen Mord erleben, in dem die Erben Alexanders um das riesige Weltreich stritten.

Eine Kopie der Statue von Iltani, die im Hauptquartier der Assassinen zu finden ist.

Aber Ubisoft scheint das Franchise zumindest vorerst in eine andere Richtung steuern zu wollen: Ja, es geht zwar bald mit Assassin’s Creed: Odyssey ins Antike Griechenland, allerdings rund hundert Jahre vor der Zeit von Iltani und ihrem tödlichen Auftrag

Ein Fünkchen Hoffnung bleibt

Und doch besteht Grund zur Annahme, dass Iltani doch nicht ganz aus den Köpfen der EntwicklerInnen verschwunden ist. Raphael Lacoste, Senior Art Director von Assassin’s Creed, veröffentlichte vor einigen Monaten eine Konzeptzeichnung, die während der frühen Brainstorming-Phase von Assassin’s Creed Origins entstand:

Das Bild zeigt das Ischtar-Tor, eines der Stadttore der Großstadt Babylon im heutigen Zentral-Irak — und einer der Orte, den Alexander der Große während seiner Feldzüge und Iltani während ihrer Komplottvorbereitungen besucht hat.

Womöglich ist dieser Strohhalm, an den ich mich hier klammere, doch ein wenig zu schwächlich, aber immerhin steht fest, dass die Brainstorming-Runden von Ubisoft mindestens einmal die Welt von Iltani gestreift haben. Hoffen wir, dass dieser Schauplatz nur vorübergehend in die Schublade zurückgewandert ist und die Geschichte von Iltani nicht irgendwann doch unter einer florentiner Kirchenkuppel in Vergessenheit gerät.

Dom Schott

Dom Schott hat Archäologie studiert und schreibt als freier Journalist besonders gerne über spannende Online-Communities, Archaeogaming und seine zwei Kater.