Groß waren die Versprechen von No Man’s Sky und ebenso groß die Enttäuschung kurz nach Release des Spiels im August 2016: Hunderttausende SpielerInnen hatten sich auf die endlosen Weltraumweiten gefreut, in denen wortwörtlich Milliarden zufallsgenerierte Planeten auf ihre Entdeckung warten. Zwar stand die tatsächliche Spielwelt diesen Versprechen in Größe und Umfang nicht nach, doch frustrierten die wenigen Spielmechaniken viele der virtuellen AstronautInnen. No Man’s Sky war in seiner Ursprungsversion kaum mehr als ein Walking Simulator im All und während ich persönlich damit sehr glücklich war, wetterten SpielerInnen und JournalistInnen noch wochenlang über diesen „Marketing-Betrug“.

Während sich so ein Großteil der ursprünglichen Communit wieder aus dieser Spielwelt verabschiedete, blieb ein kleiner Bruchteil zurück und begann, das zufallsgenerierte Universum zu erforschen. „7101334“ war einer von ihnen und begann, Stunde um Stunde in No Man’s Sky und den Versuch zu investieren, die verschwindend kleine Spielergemeinschaft zusammenzubringen und tatsächlich auch als echte Gemeinschaft zu organisieren.

Er pflegte das Subreddit des Spiels, organisierte Fan-Treffen – und gründete die erste virtuelle Kolonie von No Man’s Sky das Galactic Hub. Lange bevor NMS-SpielerInnen dank neuer Updates die Möglichkeit bekommen sollten, eigene Basen zu errichten, legte 7101334 mit dem Galactic Hub den Grundstein für die zahlreichen folgenden Kolonien und Mini-Communities, die Spieler in Zukunft auf eigene Faust gründen sollten. Es ist ein Zusammenschluss von SpielerInnen, die sich einer Verfassung unterwerfen, die Ingame-Berufen nachgehen und sich regelmäßig via Discord und Skype persönlich austauschen. Mit ArchaeoGames sprach dieser Gründungsvater von No Man’s Sky nun ein wenig mehr über sich und seine Beziehung zu diesem ganz besonderen Spiel.

Archaeogames: Stell dich uns doch kurz mal ein wenig vor: Wer bist du, was machst du, mit wem habe ich es hier eigentlich zu tun?

7101334: Ich bin 22 Jahre alt und studiere Biologie und Botanik in Kalifornien. Ich verbringe neben dem Studium viel Zeit mit Videospielen, am liebsten habe ich da Open World- und Sandbox-Titel. Auch Rollenspiele gefallen mir sehr, ich bin ein echt großer Fan der Fallout- und Elder Scrolls-Spiele.

AG: Wie bist du denn ursprünglich auf No Man’s Sky aufmerksam geworden? Und warst du Teil der SpielerInnen da draußen, die anfangs unheimlich enttäuscht waren?

7101334: Jetzt, wo du es sagst, muss ich gestehen, dass ich gar nicht mehr weiß, wann ich zum ersten Mal von No Man’s Sky gehört hatte. Eines weiß ich aber: Ich war von Anfang an von der Idee des Spiels fasziniert und daran konnte auch der Launch nichts ändern. Ich war eher irritiert davon, wie wütend einige Leute da draußen waren. Klar, dem Spiel fehlten einige Dinge, aber trotzdem, die allem zugrunde liegende Vision war nach wie vor unglaublich! Deswegen blieb ich auch über den Launch hinaus ein aktiver Spieler.

AG: Wann kam dir die Idee, das Galactic Hub zu gründen? Und wie lief das alles im Detail ab?

7101334: Da muss ich eines direkt betonen: Während ich natürlich wirklich viel Zeit in das Projekt gesteckt habe (Foren, aber später auch Basen im Spiel bauen, Planeten katalogisieren, Events organisieren, eine Art ‚Verfassung‘ für das Hub schreiben), hätte das alles nicht ohne die vielen BürgerInnen („Citizens“) geklappt. No Man’s Sky hat eine wirklich treue, leidenschaftliche Community und es war eine gemeinschaftliche Leistung, das Hub zu gründen. Bis zum Release des Updates „Atlas Rises“ übernahm ich die administrative Leitung ganz alleine, aber das war dann der Zeitpunkt, als ich feststellte, dass ich das nicht mehr nur auf meinen Schultern stemmen konnte. Zu dieser Zeit gründete ich den Rat („The Council“), der Beschlüsse fasst und sich gemeinschaftlich berät. Ich treffe dort zwar immer noch die finale Entscheidung, immerhin ist das Galactic Hub keine Demokratie, aber sie geben mir trotzdem manchmal auch Befehle, denen ich dann auch nachkomme, beispielsweise die Organisation einer Umverlegung mehrer Spielerbasen auf andere Planeten.

Im Subreddit des Galactic Hub tauschen sich die BürgerInnen über Neuigkeiten, Projekte und Pläne aus (Screenshot: Reddit)

AG: Welche sind deiner Meinung nach die größten Herausforderungen eines „Gründervaters“, wie du einer bist, in der Welt von No Man’s Sky? Und wie sorgst du dafür, dass das ganze Projekt nicht irgendwann implodiert oder anderweitig zugrunde geht?

7101334: Ich würde sagen, die größte Herausforderung ist der überwältigende Maßstab. Das Galactic Hub ist keine einfache Sache, wir wollen nicht einfach nur möglichst viele Leute in einer Ecke des Universums für eine große Party versammeln. Klar, manchmal fühlt es sich wie eine ausgelassene Feier an, aber es ist gleichzeitig auch ein quasi-wissenschaftlicher Versuch, ein soziales Experiment. Also müssen wir sicherstellen, dass alle BürgerInnen vom Zensus erfasst werden, dass sie sich an Regeln halten, wie sie beispielsweise neue Planeten, Flora und Fauna bennen oder sich im Umgang miteinander verhalten. Das sind wohl die größten Herausforderungen, dafür zu sorgen, dass sich daran wirklich jeder hält.

Eine andere große Herausforderung ist die ständige Aktualisierung des Wikis, in dem wir alle Funde, bereisten Planeten und so weiter dokumentieren. Ich habe beispielsweise zuletzt auf einem Planeten eine Raffinerie konstruiert, die vollautomatisiert unglaublich viele Rohstoffe innerhalb kürzester Zeit produziert. Diese Rohstoffe können dann irgendwann an die Bürger verteilt werden, um das finanzielle Wohlhaben der BürgerInnen des Galactic Hub zu erhöhen. All das muss im Wiki dokumentiert und festgehalten werden.

AG: Hat sich denn eigentlich schon mal das Entwicklerteam von Hello Games bei dir gemeldet oder versucht, irgendwie Kontakt aufzunehmen?

7101334: Wir hatten bisher nur sehr wenig Kontakt miteinander. Sie haben mich mal angeschrieben, weil sie das Galactic Hub in den offiziellen Kanon des Spiels aufgenommen haben. Und zum Release des Waking Titan Updates haben sie mir ein Buch geschenkt, „Nine Tomorrows“ von Isaac Asimov. Während dieses Buch sicherlich einer meiner größten persönlichen Schätze ist, habe ich mich am meisten über ihre Entscheidung gefreut, unser Projekt in das offizielle Wiki des Spiels aufzunehmen. Das bedeutet uns wirklich viel.

AG: Gefällt dir denn No Man’s Sky nach all den Updates und Veränderungen der letzten Monate und Jahre noch besser als zu Beginn?

7101334: Um ehrlich zu sein, mochte ich die Ursprungsversion des Spiels mehr. Nach den ersten Updates verschwanden besonders extreme und skurrile Planeten mit leuchtenden Farben, alles wurde ein kleines bisschen eintöniger und „realistischer“. Das hat meine Begeisterung etwas gedämpft, wirklich jeden Tag rauszufliegen und neue Planeten zu entdecken. Deswegen konzentriere ich mich heute darauf, neue Basen zu errichten oder industrielle Gebäude zu konzipieren. Und vielleicht probiere ich mich als nächstes an Rennstrecken aus!

AG: Wie können denn neue SpielerInnen eurem Galactic Hub beitreten?

7101334: Das ist einfach: Einfach unser Siedlungsgebiet ansteuern und sich für den Zensus eintragen! Wie genau das funktioniert und wie man uns finden kann, steht alles im Interloper’s Handbook!

AG: Zum Abschluss würde mich noch unheimlich interessieren, welches der vielen kleinen und großen Projekte rund um No Man’s Sky du persönlich am faszinierendsten findest?

7101334: Ooh, das ist eine gute Frage! Die NMS-Community ist unglaublich, intelligent und extrem kreativ. Das Projekt, dass mich dabei am meisten fasziniert, ist das NMS Archaeological Survey, eine Gruppe von Archaeogamern, die No Man’s Sky archäologisch erforschen. Andrew Reinhard und sein Team entdeckten während ihrer Arbeit einige Basen von uns, die wir nach einer Klimakatastrophe in der Spielwelt zurücklassen mussten. Er fotografierte die Ruinen, dokumentierte alles, was noch zu sehen ist und leitete die Infos an die ehemaligen BewohnerInnen weiter. Das war ein toller Moment für uns alle, wirklich.

Die Archäologen von No Man’s Sky spüren unter anderem auch die hinterlassenen Botschaften von SpielerInnen auf – hier erkennbar als kleine Sprechblasen (Bild: Hello Games)

AG: Vielen Dank für dieses Gespräch!

7101334: Gerne, hat mir großen Spaß gemacht. Wir sehen uns irgendwo da draußen im All wieder, das weiß ich genau!