„Töte alle Gegner und sammle die Dinosaurier ein!“ — Ein Spaziergang durch die seltsame Welt der Archäologie-Apps

Es ist noch gar nicht allzu lange her, dass die popkulturelle Repräsentation der Archäologie und der Erforschung altertümlicher Spielwelten allein in den Händen von Tomb Raider und Indiana Jones lag. Beide Figuren prägten über Jahrzehnte hinweg das öffentliche Bild der Archäologie, obwohl sie eigentlich viel eher abenteuerlustige Grabräuber und Schatzsucher, als tatsächliche Archäologen sind.  Die moderne Spielwelt schickt zwar noch immer Tomb Raider und einen geistigen Nachfolger des Indiana Jones regelmäßig auf pseudo-archäologische Abenteuerfahrt, doch abseits dieser üblichen Verdächtigen hat sich viel getan.

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Mehr und mehr Entwicklerteams entdecken das spielerische Potential für sich, das in der Archäologie schlummert: In dem Action-Rollenspiel Mittelerde: Schatten des Krieges können wir unzählige Artefakte und Kunstgegenstände entdecken, die uns viel über die unterschiedlichen Kulturen in der Spielwelt verraten. In Hellblade: Senua’s Sacrifice wird die Glaubenswelt einer nordischen Piktin rekonstruiert, das Adventure Heaven’s Vault überträgt einige Methodiken der Archäologie auf ein Weltraumabenteuer und Assassin’s Creed Origins macht mit Hilfe der Discovery Tour das komplette Alte Ägypten zum begehbaren Museum.

Assassin's Creed® Origins

Die Geschichtsbilder und archäologischen Spurenelemente werden auf den klassischen Plattformen Konsole und PC zunehmend komplexer und farbenfroher. Aber wie sieht es eigentlich bei den Mobile Games aus? Was passiert, wenn ich im App Store „Archäologie“ eingebe und nach Spielen suche? Genau das habe ich ausprobiert — und einen seltsamen Spaziergang durch die Welt der Archäologie-Apps erlebt.

„Archäologie? Klar haben wir Dinosaurier-Spiele, jede Menge!“

Es ist eine bitterer Satz, den jeder Archäologe zu irgendeinem Zeitpunkt des Studiums mindestens einmal, meistens häufiger hören wird: „Oh, Archäologie? Cool, ich fand Dinosaurier auch immer spannend!“ Diese frustrierend-traditionelle Verwechslung von Paläontologie und Archäologie ist im App Store noch immer hartnäckig gelebte Wirklichkeit: Fast alle Archäologie-Spiele, die wir hier finden können, drehen sich in Wirklichkeit um das Ausgraben und Zusammenpuzzeln von Dinosaurierknochen — und richten sich explizit an eine jüngere Zielgruppe um die vier Jahre.

Dementsprechend simpel und durchschaubar sind in der Regel die Spielmechaniken: Bildschirm wiederholt antippen, Knochen vom Schmutz befreien, Knochen zum Skelett anordnen. Laut vieler App-Store-Review ziemlich cool für die Kleinen, aber leider nicht das, wonach ich gesucht habe.

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Ein Endless-Runner, der unserem Fedora-bemützten Archäologen die Aufgaben stellt, den Fallen der „Eingeborenen“ auszuweichen.
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Ein Puzzle-Spiel für Kinder, das Paläntologie mit Archäologie verwechselt.
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Die Sommer-Edition von „Archäologe: Dinosaurier Spiele“ gibt es auf Wunsch auch in der Winter-Ausgabe. Spielerisch ändert sich allerdings leider nichts.
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Eines der besseren Spiele über die archäologische Arbeit: Der Spieler darf verschiedene Fundobjekte, die tatsächlich nichts mit Dinosauriern zu tun haben, ausgraben und anschließend zusammensetzen.
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Ein weiterer Endless Runner, der allerdings dank seiner schwammigen Steuerung unglaublich schwer und frustrierend ist.

Museum-Guides mit Schmöker-Potential

Eine der schöneren Entdeckungen, die ich während meines Spaziergangs durch den App-Store machen konnte, waren die Museum-Guides einiger größerer und kleinerer Ausstellungen. Ehrlich gesagt überraschte mich dabei, wie experimentierfreudig einige Museen bereits die Möglichkeiten der Augmented Reality nutzen, um ihre Besucher mit virtuellen Touristenführern oder virtuell drehbaren Ausstellungsstücken zu unterhalten: Animierte Mini-Gallier führen durch die keltische Geschichte und Kleopatra begrüßt ihre Gäste persönlich mit einigen Anekdoten aus ihrem Leben.

Kleiner Wermutstropfen: Fast alle dieser Apps funktionieren nur, wenn wir uns auch im dazugehörigen Museum befinden — mit einer tollen Ausnahme: Die App der riesigen Glyptothek München, in der Originale und Nachbildungen antiker Skulpturen und Bildwerke der römischen und griechischen Antike versammelt sind. Hier können Interessierte auch außerhalb der Figurensammlung die Ausstellungsstücke betrachten und in kurzen Texten mehr über ihre Entstehungsgeschichte erfahren.  

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Die App der Glyptothek München erlaubt Rundgänge in verschiedenen Kategorien wie „Für Genießer“ und „Charakterköpfe“

Zwei spielbare Highlights

Meinen Spaziergang durch die wundersame Welt der Archäologie-Apps beende ich mit zwei Empfehlungen für all jene unter euch, die nun nicht unbedingt ihre Zeit mit einem Museumsguide verbringen wollen. Die beiden Spiele, die ich entdeckt und die mich nun schon seit einiger Zeit gut unterhalten, sind Secrets of the Past: Zeus City, in dem ihr eine eigene Ausgrabung und Ausstellung organisieren und managen müsst, sowie Ancient Secrets of the Mummy, ein wirklich hübsch gestaltetes Wimmelbildspiel.

Fernab davon hat mich die Stichwort-Suche nach Archäologie-Apps allerdings ein wenig enttäuscht: Offenbar haben bisher nicht allzu viele Mobile-Entwickler die Möglichkeiten der Archäologie für ihre Spielkonzepte entdeckt, wie es die traditionellen Plattformen nun schon seit einigen Jahren vormachen. Das ist schade und trotzdem hoffe ich weiterhin, dass die kleine Medien-Revolution der Archäologie eines Tages auch den App-Store noch erreichen wird.

Ein Disclaimer, geschrieben vom Optimisten in mir: Vielleicht aber habe ich auch nur die entsprechenden Beispiele trotz meines langen Spaziergangs nicht entdecken können — wenn dem so ist, schreibt mir gerne euren archäologischen App-Geheimtipp, den ihr selbst spielt oder womöglich sogar gerade entwickelt und ich werde an diese Stelle ein kleines Update einfügen.

Dom Schott

Dom Schott hat Archäologie studiert und schreibt als freier Journalist besonders gerne über spannende Online-Communities, Archaeogaming und seine zwei Kater.