Unter der Lupe: Das neue Setting von Assassin’s Creed Odyssey

Nach den Kreuzzügen, der italienischen Renaissance, der Französischen Revolution, der englischen Industrialisierung und dem Alten Ägypten begibt sich Assassin’s Creed nun endlich an einen Schauplatz, der von diesem langlebigen Franchise bisher geflissentlich ignoriert wurde: das antike Griechenland. Und ja, „endlich“ meine ich hier mit Nachdruck, denn das neue Setting bietet das ideale Biotop für ein interessantes Assassin’s Creed: Eine reichhaltige Kulturgeschichte, beeindruckende Architektur, unterschiedlichste Landstriche und all das eingerahmt vom wunderschön tiefblauen ägäischen Meer.

Für Assassin’s Creed Odyssey hat sich Ubisoft ein Kapitel aus der langen Geschichte dieser Mittelmeerwelt ausgesucht, das für die Entwicklung der griechischen Stadtstaaten von enormer Bedeutung ist und tiefe Wunden im kollektiven Gedächtnis der antiken Griechen hinterließ: Der Peloponnesische Krieg, der von 431 v. Chr. bis 404 v. Chr. vor allem zwischen Sparta und Athen ausgetragen wurde. Eine turbulente Zeit, in der sich Assassin’s Creed durchaus wohlfühlen könnte.

Eine ruhmreiche Familiengeschichte

Wir wissen bereits, dass wir nicht als gänzlich unbeschriebenes Blatt in die Welt von Assassin’s Creed Odyssey aufbrechen dürfen. Stattdessen entscheiden wir uns früh im Spiel, ob wir in die Haut von Alexios oder Kassandra schlüpfen wollen. Das Geschwisterpaar sind die direkten Nachkommen des spartanischen Königs Leonidas (genau, der Typ mit den 299 Freunden), wurden aber unter einem schlechten Stern geboren. Eine Prophezeiung, so der von Ubisoft ersinnte Plot, habe vorausgesehen, dass die beiden Spartas Verderben sein werden und so wurden die Geschwister aus ihrer Heimat verbannt. Als Söldner verdienen sie sich nun ein kleines Taschengeld und geraten schließlich zwischen die Fronten des Peloponnesischen Krieges.

Odyssey überlässt uns die Wahl zwischen zwei Protagonisten (Bild: Ubisoft)

Während hier die offizielle Beschreibung der Spielhandlung endet, verraten die wenigen Informationen aber noch deutlich mehr über das, was uns in Assassin’s Creed Odyssey möglicherweise erwarten wird. Nehmen wir beispielsweise das schwere Erbe von Alexios und Kassandra: Ihr Vater Leonidas spielte wie bereits angedeutet in den Perserkriegen eine berühmte Rolle, als er eine aussichtlose, aber umso heroische Schlacht an den Thermophylen gegen die persischen Invasoren im Jahr 480 v. Chr. schlug. Dieses Opfer begründete einen Herrscherkult um Leonidas, der noch bis ins späte 2. Jahrhundert nach Christus von seinen Landsleuten verehrt werden sollte. Glauben wir der antiken Überlieferung, soll sein Leichnam nach der Schlacht in Sparta beigelegt worden sein — möglicherweise ein Ort, den wir auch im Spiel besuchen dürfen, was Ubisoft nach dem Grab von Alexander dem Großen erneut vor die spannende Aufgabe stellen wird, ein Grab glaubwürdig zu rekonstruieren, dessen Aussehen bis heute unbekannt ist.

Aber Leonidas Erbe reicht noch weiter, als nur bis zur Schlacht an den Thermophylen: Die antike Überlieferung führt Leonidas Familiengeschichte bis zu dem berühmten Halbgott Herakles zurück — ganz offensichtlich eine konstruierte Legimitationsgeschichte der Antike, aber gleichzeitig auch eine wunderbare Steilvorlage für Ubisoft, hier mit ihrer eigenen Geschichte der Altvordereren, der „ersten Kultur“ anzuknüpfen. In mehreren Interviews im Rahmen der E3 2018 kündigten die Entwickler bereits an, dass in Assassin’s Creed Odyssey die Geschichte der mysteriösen Alien-Götter, die das Franchise nun schon seit über zehn Jahren hintergründig begleitet, mehr denn je in den Vordergrund gerückt werden soll. Wo anders sollte das geschehen, wenn nicht hier, in der Familiengeschichte von Alexios und Kassandra, die vielleicht in irgendeiner verwandschaftlichen Beziehung zu diesen Alien-Göttern stehen — immerhin wäre das eine schöne Erklärung dafür, warum die beiden Geschwister in den Trailern zum Spiel mit einer Waffe hantieren, die aus dem Material dieser Ubisoftschen Götter gefertigt zu sein scheint.

Ein antiker Kalter Krieg eskaliert

Verlassen wir die Familiengeschichte der beiden Protagonisten und werfen wir einen Blick auf den Konflikt, in den uns Ubisoft mit Assassin’s Creed Odyssey stürzt. Der Peloponnesischer Krieg, benannt nach der Peloponnes als Hauptschauplätz des Kräftemessens, war ein dreißigjähriger militärischer, blutiger Konflikt zwischen Athen und Sparta.

Beide Städte blickten zum Ausbruch des Krieges auf eine schwierige Vorgeschichte zurück, die an einen antiken Kalten Krieg erinnert: Sowohl Sparta und der Peloponnesische Bund als auch Athen und der attische Seebund hatten in den Jahren zuvor mehr und mehr Stadtstaaten in ihr jeweils eigenes Verteidigungsbündnis geholt. Die beiden Schirmherren versprachen ihren Verbündeten Schutz im Falle eines Angriffs, aber vor allem Athen nutze den attischen Seebund als Grundlage ihrer Bemühungen, Macht und Einfluss Athens über die Ägäis hinweg auszudehnen. Der von den Spartanern organisierte Peloponnesische Bund fungierte als politisches Gegengewicht, so zumindest lässt sich die historische Überlieferung deuten. Die Situation ähnelte einem politischen Pulverfass, das sich schließlich an den diplomatischen Streitereien kleinerer Mitgliedstaaten entzündete und zum Peloponnesischen Krieg führte.

Ein Ausschnitt der Weltkarte von Odyssey, der nahelegt, dass wir nicht nur das griechische Festland, sondern auch die zahlreichen Inseln der Ägäis besuchen dürfen (Bild: Ubisoft)

Die beiden Stadtstaaten unterschieden sich dabei nicht nur in ihrer bevorzugten Kriegsführung wesentlich voneinander, sondern auch in ihrer individuellen Kulturgeschichte: Athen war zum Ausbruch des Krieges eine Demokratie, die gerade das „perikleische goldene Zeitalter“ durchlebte — eine kulturelle und architektonische Blütezeit, die uns Monumentalbauten wie das Parthenon oder die Propyläen bescherte (und auf die wir bald alle klettern werden!).

Sparta, ein wesentlich kleinerer Stadtstaat, war hingegen durch und durch geprägt von der militaristischen Oligarchie, die von auserwählten Männern angeführt wurde und einen scharfe gesellschaftliche Trennung in unterschiedlich privilegierte Gruppen durchsetzte. Vor diesem Hintergrund erscheint es mit einer modernen Lesweise geradezu skurril, dass das freiheitlich demokratische Athen fleißig an einer machtpolitischen Unterwerfung der griechischen Städte arbeitete, während die Militärgesellschaft Sparta für ebendiese Freiheit der Stadtstaaten kämpfte — oder sich zumindest so inszenierte.

Dass Ubisoft das Wesen dieses Konflikts zu einer Spielmechanik machen wird, wissen wir bereits: So wird sich das Kräftegleichgewicht während unserer Abenteuer immer wieder verändern, was für uns Spieler weitreichende Konsequenzen haben soll. Hierzu schreibt Kotaku nach einem Hands On:

Odyssey’s massive world will be influenced by a systemic power system that players can manipulate. The game’s version of Greece is divided into 27 states, each with their own leader. A red-vs-blue divide will show which areas are under the influence of Sparta or Athens, respectively. “When those leaders get in trouble and their resources go down, they become weak,” Dumont said. “And other factions will invade their state.”

It’s not clear if this happens automatically over time or if these changes in power are solely affected by players. Leaders who are in trouble will offer contracts to get help, and the player, who is technically controlling a mercenary, can choose to take on those contracts, Dumont said. Players will also be charged with taking down some regional leaders and be shown a meter that displays how tight a grip the leader has on their state. Looting and destroying things in the leader’s region will make the leader an easier target, a system that seems to build on ideas offered in everything from the first Crackdown to this year’s Far Cry 5.

Eine interessante Idee, die zumindest auf dem Papier nach einem spannenden Versuch klingt, die historische Überlieferung in Gameplay-Elementen abzubilden.

300 ist überall

Während das Setting per se mehr Möglichkeiten als Einschränkungen in Aussicht stellt, stößt zumindest mir allerdings die Bildsprache von Assassin’s Creed Odyssey sauer auf. Ganz offensichtlich bediente sich Ubisoft bei dem mittlerweile 12 Jahre alten Actionfilm 300, der anno dazumal mit überzeichneter Comic-Ästhetik den Kampf von Leonidas gegen die Perser inszenierte. Hier hat sich das Entwicklerteam nicht nur ganze Choreographien geborgt, sondern auch das Aussehen zahlreicher Rüstungsteile, Waffen, sogar Frisuren und Kameraeinstellungen.

Filmkenner fühlen sich nicht nur in dieser Szene an 300 erinnert (Bild: Ubisoft)

Das Problem dieser offensichtlichen Inspiration liegt in meinen Augen dabei nicht einmal in der verpassten Chance, einen eigenen Stil zu finden und zu präsentieren. Vielmehr beunruhigt mich die Implikation dieses Prozesses: Egal, was man von 300 halten will, der Film scheint die Vorstellungen von griechischer Antike in den Köpfen vieler SpielerInnen geprägt zu haben — das zumindest muss die Annahme von Ubisoft sein. Das Phänomen, das sich hieraus ableitet, kennen wir bereits aus zahlreichen anderen Spielen, die sich selbst „historisch akkurat“ oder „authentisch“ nennen: Sie biedern sich dem bereits verbreiteten, akzeptierten Geschichtsbild an, um möglichst nicht mit der Erwartungshaltung der Zielgruppe zu brechen. Nur, wenn ihnen das gelingt, wird auch ihre Spielwelt als „historisch akkurat“ wahrgenommen — nachweislich ganz unabhängig davon, wie sorgsam das Spiel nun wirklich mit den historischen Quellen umgeht.

Assassin’s Creed Odyssey, in der Welt der Videospiele längst eine Instanz für geschichtliches learning by playing, droht damit, noch mehr als ohnehin schon in einen medialen Circlejerk zu geraten, der im fertigen Spiel schließlich nicht mehr griechische Geschichte, sondern nur noch Filme und Spiele über die griechische Geschichte zitiert. Und all das unter dem Deckmantel von Phrasen wie „so war es damals“ und „in Zusammenarbeit mit Historikern rekonstruiert“. Noch ist das Spiel nicht erschienen, noch kann sich dieses Szenario als unsinnig herausstellen. Kommt es aber doch zu dieser medialen Invasion der 300 im Ubisoft’schen Griechenland, wird eine Discovery Tour nicht mehr ausreichen, um diese Manipulation unserer Geschichtsbilder wieder gerade zu rücken.

Dom Schott

Dom Schott hat Archäologie studiert und schreibt als freier Journalist besonders gerne über spannende Online-Communities, Archaeogaming und seine zwei Kater.