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Unter der Lupe: Detroit: Become Human und der Golem von Prag

Detroit: Become Human spielt in einer fernen Zukunft, doch die Idee zu seiner Geschichte ist über 500 Jahre alt.

„Unter der Lupe“ analyisiert regelmäßig Bilder, Stereotypen und Themen in Videospielen und sucht nach ihren Ursprüngen und Inspirationen in unserer, realen Welt. Diese Erstausgabe ist für alle LeserInnen frei verfügbar, alle kommenden Ausgaben erscheinen dann exklusiv für Patreon-Backer.

 

Mit Detroit: Become Human legt der umstrittene Entwickler David Cage eine alte Geschichte neu auf: Künstlich geschaffene Wesen, Androiden, suchen und entdecken allmählich ihre menschliche Seite und stellen die Gesellschaft, in der sie Leben, vor ein ethisches Dilemma.

Nicht ohne Grund kommt uns dieser Plot vertraut vor: Star Trek, Terminator, The Iron Giant, Star Wars, Metropolis, Westworld, Lost in Space und zahllose andere Unterhaltungsprodukte erkundeten im zurückliegenden Jahrhundert die Möglichkeit einer künstlichen Intelligenz, die menschliche Züge entwickelt.

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Detroit: Become Human will mit den Grenzen von Androiden und Menschlichkeit experimentieren. (Bild: Sony)

Doch wenig überraschend geht diese Geschichte noch weiter zurück, als bis zu den Anfängen der modernen Unterhaltungskultur. Wenn man so will, schultert die fantasievolle Welt von David Cage und all seiner Vorgänge auf einer Geschichte, die über 500 Jahre alt ist. Einer Geschichte, die von einem unmenschlichen Wesen erzählt, das geschaffen wurde, um seinen Herren zu dienen — und die trotz ihrer unglaublichen Wendungen einen wahren Kern besitzen soll: Die Sage des Prager Golems.

Ein treuer Helfer mit menschlichem Antlitz

Schon die ursprüngliche Wortbedeutung des Golems gibt uns eine recht gute Vorstellung von dem Wesen, das wir hinter dem Begriff vermuten können. Dora Streibl ist angehende Judaistin und erklärt im Interview mit Archaeogames die vielsagende Begriffsgeschichte.

Laut Streibl sei „Golem“ (גולם) dem biblischen Hebräisch entlehnt und leite sich aus dem Verb-Wortstamm für „wickeln“ oder „zusammenwickeln“ ab. Das Substantiv „Golem“ bedeute dementsprechend „etwas Zusammengewickeltes, Ungestaltetes, ein Klumpen“. Im Talmud, die Kommentare zur hebräischen Bibel der Rabbinen, stehe „Golem“ als Synonym für jede ungeformte Masse, aber auch für ungebildete Menschen. Ein Golem ist also ein grobschlächtiger, unförmiger, tölpelhafter Klumpen, der entfernt an das menschliche Ebenbild erinnert.

Im 12. Jahrhundert taucht der Begriff des Golems dann erstmals in Verbindung mit einem magischen Ritus auf, der unbelebte Materie zum Leben erwecken sollte. Doch die wohl bekannteste und faszinierendste Geschichte eines Golems wird erst rund 300 Jahre später geschrieben. Sie erzählt von dem Prager Rabbiner Judah Löw, der in den 1500-er Jahren einen echten Golem zu Leben erweckt haben soll, um sich und seine Freunde vor großer Gefahr zu schützen. Es ist der Protoyp einer Erzählung von einem künstlich geschaffenen Wesen, das menschenähnlich ist, aber doch nicht Mensch sein darf und kann.

Bis heute dienen in Prag kleine Golem-Figuren aus Ton als beliebte Souvenirs bei Touristen.

Die Überlieferung, die im frühen 19. Jahrhundert zum ersten Mal schriftlich fixiert und gedruckt wurde, lautet etwa wie folgt:

Prag im 16. Jahrhundert war kein allzu sicherer Ort für Juden: Regelmäßig sah sich diese Glaubensgemeinschaft in der osteuropäischen Metropole unglaublichen Anschuldigungen ausgesetzt. So wurde den Juden nachgesagt, sie würden Kinder töten und ihr Blut opfern, um im Geheimen zu ihrem Gott zu beten.

Als im Jahr 1580 erneut ein Geistlicher namens Thaddäus diese schweren Vorwürfe gegen die Prager Judengemeinde vorbrachte, bekam der Rabbi Judah Löw kurz darauf eine Traumvision: Aus dem Himmel sprach zu ihm eine Stimme, die ihn dazu aufforderte, aus Ton das Bild eines Menschen zu formen (im Original eigentlich: „Golem“ statt „Abbild eines Menschen“) und die Prager Juden vor ihren Feinden zu schützen. Der Rabbi folgte seiner Eingebung und weihte seinen Schwiegersohn und zwei seiner Schüler in seinen Plan ein.

Die Vier bereiteten sich eine Woche lang mit Gebeten auf die Erschaffung des Golems vor. Am achten Tag brachen sie zu einer Lehmgrube an der Moldau außerhalb Prags auf und fertigten aus dem feuchten Lehm eine Figur an, die drei Ellen (etwa 3,40m) hoch gewesen sein soll. Anschließend wies Löw seine Helfer an, nacheinander siebenmal um die Figur herumzugehen und eine mysteriöse Formel aufzusagen, die ihnen der Rabbi diktierte. Jede dieser Formel stand in enger Verbindung mit einem der vier Elemente, Luft, Feuer, Wasser und Erde.

Nachdem jeder Helfer die Figur schließlich umkreist hatte, nahmen sich die vier Männer an den Händen, stellten sich vor dem Golem auf und zitierten gemeinsam einen Satz aus der Schöpfungsgeschichte: „Und Gott blies ihm den lebendigen Atem in die Nase, und der Mensch erwachte zum Leben.“

In diesem Moment soll der Golem seine Augen geöffnet und die vier Männer regungslos angestarrt haben. Das Ritual war geglückt.

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Rabbi Löw erweckt den Golem zum Leben. Nach einer Zeichnung von Molas Ales (1899).

Sie kleideten das Wesen in das mitgebrachte Gewand eines Synagogendieners und Rabbi Löw gab ihm den Namen Joseph — offenbar in Anlehnung an die Figur des Joseph Scheda aus dem Talmud, der halb Mensch gewesen sei und den Schriftgelehrten in vielen gefährlichen Situationen beigestanden haben soll.

Der Golem lebte sich schnell im Haushalt des Rabbis ein: Er saß meist regungslos in der Ecke eines Zimmers und wartete darauf, zum Dienst gerufen zu werden. Hierfür musste man ihm einen kleinen Zettel unter die Zunge legen, auf dem der Name Gottes geschrieben stand. So zum Leben erweckt, war es die Aufgabe des Golems, nachts durch die Straßen Prags zu patrouillieren und jeden aufzuhalten, der eine schwere Last mit sich führte, das sich als totes Kind herausstellen könnte, um es zum Verderben der Prager Judengemeinde in ihren Wohnvierteln abzulegen. Neben dieser Arbeit soll sich der Golem auch tagsüber nützlich gemacht und in der Synagoge gekehrt haben, wo er von allen Anwesenden bestaunt wurde.

Hier streitet sich die Überlieferung darüber, wie das weitere Schicksal des Prager Golems ausgesehen haben soll. So berichten einige Versionen der Geschichte von einer gewalttätigen Episode des Golems, der durch die Straßen Prags raste und dutzende Häuser zerstörte, weil Rabbi Löw vergessen hatte, ihm nach getaner Arbeit den Zettel wieder aus dem Mund zu nehmen. Manche Überlieferungen berichten von einer Heldentat des  Rabbis, der sich vor das wütende Monstrum warf, den Zettel aus seinem Mund entfernte und das Stück Papier zerriss. Daraufhin sei der Golem in sich zusammengesunken und verstorben.

Eine andere Variante der Erzählung handelt von der Frau des Rabbi Löw, die den Golem eines Tages beauftragte, Wasser vom Fluss zu holen. Sie ignorierte damit die Warnung ihres Mannes, dass der Golem nicht für jede Arbeit gleich gut geeignet sei und überließ das Wesen seinem Auftrag.

Weil ihm niemand aufgetragen hatte, mit seiner Arbeit aufzuhören, trug der Golem immer mehr und mehr Wasser in das Haus, bis sich gefüllte Eimer und Gefäße unter die Decke stapelten. Die Forschung will heute in dieser populären Episode Parallelen oder womöglich sogar eine Inspiration für Goethes berühmte Ballade vom Zauberlehrling erkennen, der mit einem ganz ähnlichen Wasserproblem zu kämpfen hat.

Doch zurück zur Sage des Prager Golems.

Als irgendwann die verleumderischen Vorwürfe gegen die Judengemeinde Prags nachließen und schließlich ganz ausblieben, entschied Rabbi Löw, dass der Golem seine Pflicht erfüllt hat. Laut der Überlieferung soll ihm 1692 Kaiser Rudolf II. das Versprechen gegeben haben, dass falsche Ritualmordbeschuldigungen in Zukunft strafbar seien und die Juden der Stadt unter besonderem Schutz stehen sollen.

Also versammelte der Rabbi seine Helfer, die ihm bereits bei der Erschaffung des Golems beigestanden waren, auf dem Dachboden der Prager Altneu-Synagoge, wo das Wesen mittlerweile zu schlafen pflegte. Sie stellten sich vor der Gestalt im Kreis auf und führten das gleiche Ritual wie damals an der Moldau aus, nur kehrten sie die Reihenfolge der aufgesagten Formeln um.

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Die Altneu-Synagoge in Prag, auf deren Dachboden der Golem Joseph wieder zu Lehm verwandelt worden sein soll. (Bild: Andreas Praefcke)

Nachdem das letzte Wort der Formeln gesprochen war, zerfiel der Golem zu Lehm. Rabbi Löw deckte die Überreste mit Gebetsmänten und Schriftrollen zu und erzählte später seiner Gemeinde, dass der Golem die Stadt verlassen hat. Noch heute soll auf dem Dachboden der Altneu-Synagoge, die den Zweiten Weltkrieg überstanden hat, ein Lehmhaufen liegen, der die Sage des Prager Golems bezeugen will.

Eine Sage mit Nachklang

An dieser Stelle endet die Erzählung des Golems Joseph, doch die Rezeptionsgeschichte fand hier erst ihren Anfang: Zahlreiche Magazine und Autoren entdeckten die Sage für sich, druckten abweichende Erzählungen oder schrieben eigene Geschichten, die vom Prager Golem inspiriert wurden. Noch 1938 schrieb der berühmte deutsche Journalist Egon-Erwin Kisch in einem Brief:

„Du weißt doch, dass ich ein direkter Nachkomme des weisen Rabbi Löw bin, der aus Lehm den Golem modelliert hat und ihm, wenn den Juden Unrecht droht, befahl: Erhebe Dich und gehe! So einen Golem würden wir brauchen, wenn die Nazis auf uns losgehen werden. Ich würde ihm auch befehlen: Erhebe Dich und geh, die Feinde rücken auf mein Prag zu!“

Ein halbes Jahrhundert nach diesem Brief fand die Sage des Prager Golems Eingang in die Welt der modernen Popkultur und diente seitdem als erzählerische Grundlage für dutzende künstliche Wesen, die sich über ihre Natur hinwegzusetzen versuchen. Doch egal, wie weit diese Figuren in ihren Geschichten reisen, welche Sterne sie besuchen und wie viele Fragen sie stellen — ihre Erzählungen werden immer auf den Schultern des Golem Joseph ruhen, der den Juden von Prag in einer ihrer dunkelsten Stunde zu Hilfe gekommen sein soll.

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