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Vom Archäologie-Studium zu „Ich mache was mit Videospielen“

Im Gespräch mit drei ehemaligen Archäologen.

Erinnerungen aus meinem Archäologie-Studium: Notizen, Notizen, Notizen

Seit ich als Spielejournalist arbeite, habe ich viele interessante Menschen kennengelernt, die über die unterschiedlichsten Wege zu meinen Kollegen wurden. Ein Satz zog sich allerdings durch auffällig viele dieser Gespräche in den letzten drei Jahren: “Vorher habe ich Archäologie studiert.” Direkt bei meiner ersten Festanstellung als Redakteur durfte ich beispielsweise feststellen, dass nicht nur mein Chefredakteur, sondern auch mein späterer Nachfolger genau wie ich Archäologie studiert hatten – ein bemerkenswerter Zufall!

Nun endlich habe ich mir einmal die Zeit und ein paar Kollegen zur Seite genommen, um über diese Beziehung zwischen ehemaligen Archäologie-Studenten und der Videospielbranche laut nachzudenken und ein wenig nach diesem roten Faden zu suchen, der diese beiden Berufswege immer wieder zusammenzubringen scheint.

Ein Schnappschuss, der mich begeistert in der italienischen Mittagssonne während einer Grabungskampagne zeigt.

Von all den wirklich coolen Dingen, die ich während meines Archäologie-Studiums kennenlernen und ausprobieren durfte, gefiel mir ein Aspekt ganz besonders gut: Viele meiner Kommilitonen steckten von Kopf bis Fuß in der Nerdkultur. Gespräche über Comics, Videospiele, Pen & Paper und Cosplays waren ein ebenso fester Bestandteil unseres Alltags wie die Bestimmung römischer Wandmalerei oder die korrekte Dokumentation des Fundhorizonts auf einer Ausgrabung.

Besonders deutlich wurde dieser ganz spezielle popkulturelle Interessenschwerpunkt vieler Studenten, sobald Erstsemester zum Studium begrüßt wurden und zwangsläufig irgendwann die Frage fiel: “Warum studierst du eigentlich Archäologie?” Dann wurden sie ausgepackt, die Geschichten von Lara Croft, Indiana Jones und all den Abenteurern, die kein sonderlich realistisches, aber dafür verklärtes Bild der Archäologie vermitteln. Und selbst, wer mit Anfang 20 nicht mehr regelmäßig Videospiele über den WG-Bildschirm jagte, konnte häufig trotzdem noch einzelne Abenteuer der Tomb-Raider-Videospiele aus der Kindheit nacherzählen.

Aber natürlich gab es auch andere Lebensgeschichten, die ohne popkulturellen Umweg zur Archäologie führten. Thomas Hinsberger, ehemaliger Chefredakteur der Spieleseite gamona, erinnert sich zurück:

Archäologie zu studieren war schon erstaunlich früh mein Traum. Der Ursprung dafür liegt vermutlich darin, dass meine Eltern mich in meinen ersten sechs Lebensjahren ständig für einen Monat nach Griechenland mitgeschleppt haben und ich an dieses Land und vor allem an die antiken Stätten so eine sehr frühe und auch sehr enge Bindung hatte.

Später wollte ich dann irgendwann mal Paläonthologe werden, habe das aber an den Nagel gehängt als ich gemerkt habe, wie der Alltag als Wissenschaftler in diesem Fach aussieht. So bin ich dann auf die Archäologie und wegen Griechenland auf die klassische Archäologie gekommen.

Und auch Jorle, die sich als Let’s Playerin JorleLP einen Youtube-Kanal aufgebaut hat, kann eine ähnliche Geschichte davon erzählen, wie sie schließlich in ihrer ersten Ägyptologie-Vorlesung landete:

Ich fand Geschichte schon als Kleinkind spannend. Meine Mutter zerrte mich in so jegliches Museum, welches sie finden konnte. Nur wer aus der Vergangenheit lernt, kann die Zukunft besser gestalten.

Ich wollte wissen, wie Dinge funktionierten und wie sich Zivilisationen entwickelten. Ich war fasziniert von der ägyptischen Kunst, die so lange Bestand hatte und alles überdauerte, was wir heute kennen. Ich fragte mich immer, warum etwas genau so gestaltet war, wie es war.

Gegen Ende des Archäologie-Studiums wartete auf uns alle allerdings die gleiche Frage: Was soll nach der Universität kommen? Die Möglichkeiten, in der Archäologie einen Beruf zu finden, sind in Deutschland seit Jahrzehnten sehr eingeschränkt. Nur ein kleinster Bruchteil der Absolventen findet Jahr für Jahr ihren Weg in den Lehrbetrieb der Hochschulen, während die überwältigende Mehrheit in andere Studienfächer wechselt oder als Quereinsteiger mit kulturwissenschaftlichem Hintergrund auf den Arbeitsmarkt springt.

Auch Thomas Hinsberger entschied sich für diesen Weg, nachdem ihm zwei Dinge während seines Studiums die Augen geöffnet hatten:

Da gab es zwei Momente. Der Erste war, als ich nach meinem Magister in meinem Zimmer saß, die Literaturliste für die anstehende Dissertation vor mir lag und ich dachte „Was? Das ist jetzt dein vermutlich unbezahlter Arbeitsplatz für die nächsten zwei bis drei Jahre?“ Mir ist die Decke auf den Kopf gefallen.

Da ich damals auch vor einem weiteren Wendepunkt in meinem Leben stand, der Geburt meines zweiten Sohnes, wurde mir irgendwann klar, dass es so nicht weitergehen kann und dass die Jobaussichten für Archäologen mit Familie nicht rosig sind. Weil Gaming schon immer mein Hobby war und ich mich gut mit „Internetdingen“ auskannte, habe ich es einfach mal probiert und mich damals bei gamona beworben.

Und genau hier sollte ich zufälligerweise Jahre später auch für mein erstes Bewerbungsgespräch in dieser Branche landen.

Meine ersten Jahre als Redakteur waren geprägt von Pappkartons, Kameras und noch viel, viel mehr Notizen.

Lisa Fleischer ist Junior-Redakteurin bei GIGA GAMES und studierte davor Kulturwissenschaften, bevor sie dank eines Praktikums schließlich ganz genau wusste, wohin ihr beruflicher Weg führen soll:

Natürlich habe ich während meiner Studienzeit das ein oder andere Praktikum in anderen Bereichen gemacht, habe mich dabei aber nie so richtig wohl gefühlt. Erst bei meinem Praktikum bei GIGA GAMES wurde dies anderes. Und das war auch der Zeitpunkt, an dem für mich feststand, dass ich lieber in der Spielebranche als in den Kulturwissenschaften tätig sein möchte.

Jorle hingegen wurde mit den Nachteilen des modularen Bachelor-Studiensystems konfrontiert und sah sich gezwungen, ihre Zukunftspläne neu zu ordnen:

(…), ich war ein Präzedenzfall. Zwar war die Bachelorarbeit fertig geschrieben, doch mir fehlten noch ein paar Modul-Punkte für das Abschlusszeugnis, während ich gleichzeitig schon im Master angenommen war. Ich stand zwischen zwei Stühlen, keiner aus der Verwaltung fühlte sich so recht verantwortlich für meinen Fall. Denn im Master durfte man keine Punkte mehr einholen für den Bachelor und somit durfte ich im neuen Studien-Abschnitt auch keine Kurse belegen. Verwirrend und ein Dilemma zugleich.

Mir war nicht erlaubt, weiter zu studieren und bald wurde mir die Hilfe seitens Bafög verwehrt. Für mich musste ein neues Leben beginnen und was würde da besser passen als das Ausleben meiner zweiten Leidenschaft?

Ich habe keine aussagekräftigen Zahlen oder Statistiken ausfindig machen können, die aufzeigen, wie viele Archäologie-Studenten früher oder später in der Medienbranche landen. Aber zumindest drei von ihnen konnte ich für diesen Artikel aufspüren und sie hier erzählen lassen, was sie irgendwann einmal motiviert hat, einen Hörsaal zu betreten – und warum sie diesen schließlich wieder verlassen haben, um lieber doch “irgendwas mit Videospielen” zu machen.

2 Kommentare zu “Vom Archäologie-Studium zu „Ich mache was mit Videospielen“

  1. Das ist aber tatsächlich auffällig. Auch viele meiner Kommilitonen lieben wie ich Videospiele, Fantasyliteratur, Sci-Fi und anderen „Nerdstuff“. Möglicherweise weil sich in diesen Medien eine gewisse Fremdartigkeit, das große Unbekannte finden lässt und man in gewisserweise seinen Entdeckerdrang ausleben kann. Für mich war es jedenfalls eine schöne Erfahrung zu erleben, dass es doch einige Menschen gibt, die so ticken wie ich.

  2. Pingback: Remastered Games, Spiele im Geschichtsunterricht & virtuelle Sklaverei | ArchaeoGames

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