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Von Skizzen bis zur 3D-Rekonstruktion: Wer macht „archäologische Illustrationen“?

Ein Gespräch mit den IllustratorInnen, die Geschichte wieder zum Leben erwecken.

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Sie zeichen archäologische Fundstücke, rekonstruieren aufwändig ganze Siedlungsanlagen und dokumentieren Vergangenes, das 1500 Jahre und länger in der Geschichte zurückliegt: „Archäologische Illustrationen“ heißt das Team, das mit seiner Arbeit die Vergangenheit wiederbelebt, Bild um Bild. Ihre Arbeit spielt sich dabei erfreulicherweise nicht im berüchtigten akademischen Elfenbeinturm der Archäologie ab, sondern ist in den sozialen Netzwerken präsent: Auf Twitter und Facebook teilt „ArchIllu“ regelmäßig Updates ihrer Arbeit und bietet für Interessierte Einblicke in die Kunst- und Rezeptionsgeschichte.

Das Team besteht aus vier IllustratorInnen, die allesamt einen Hintergrund in der Archäologie, Ägyptologie oder Kunstgeschichte haben. Für ArchaeoGames sprach ich mit Dr. Anja Karlsen über die Ursprünge von „Archäologische Illustrationen“, ihre Arbeit und noch einiges mehr.

ArchaeoGames: Wie kam es zu der Gründung eures Projekts? Wie habt ihr euch kennengelernt und wann wusstet ihr, dass ihr eine Arbeitsgemeinschaft wie „Archäologische Illustrationen“ auf die Beine stellen wolltet?

Dr. Anja Karlsen: Wir haben uns in einer meiner Lehrveranstaltungen, einem archäologischen Zeichenkurs im Sommer 2010, an der Freien Universität Berlin kennengelernt. Wir, das heißt: ein Kunsthistoriker, ein Prähistoriker und zwei Ägyptologen. Ich habe bereits während des Studiums als Zeichner für verschiedene Grabungsprojekte gearbeitet und nebenher, wegen der großen Nachfrage und aufgrund der riesigen Fundmengen, Zeichnen unterrichtet. Kurz vor meiner Promotion (2012) kam mir die Idee, ob man aus diesem Aufarbeiten von Grabungsfunden nicht einen lukrativen Job machen könnte, Erfahrungen mit Fundmaterial hatten wir mittlerweile genug gesammelt, sowohl auf Ausgrabungen als auch im Zeichnen. Wir haben Gründerseminare für Start-ups besucht und uns als Team von Freiberuflern selbständig gemacht.

Seit 2013 haben wir zu viert begonnen ein „Firmenkonzept“ und eine zugehörige Website zu erstellen. Als Ausgangspunkt dienten uns unsere Erfahrungen darüber, welche Formen der Visualisierung in der Archäologie benötigt werden – Zeichnungen, Fotos, Rekonstruktionen, Grafiken, Schautafeln, Karten, Digitalisate – die wir analog und digital erzeugen. Etwas später haben wir noch Photogrammetrie & 3D, das Designen von Layouts und das naturwissenschaftliche Zeichen mit dem Mikroskop ins Programm mit aufgenommen, wobei uns seit 2015 und 2017 zwei weitere Experten tatkräftig unterstützen.

AG: Obwohl ich Archäologie studiert habe, hörte ich nie von einem Dienstleistungsangebot, wie ihr es anbietet. Gibt es noch mehr Teams, die eine ähnliche Arbeit wie ihr erledigt, oder ist eure Idee zumindest hierzulande einzigartig?

AK: Nach jahrelanger isolierter Schreibtätigkeit wollte ich etwas Praktisches machen, am besten in einem Team. Die Fundmengen, mit denen ich es bisher zu tun hatte verlangten nach mehr „Personal“, allein ist das kaum zu bewältigen. Ich finde es schade, dass Funde teilweise Jahrzehnte im Magazin lagern und der Öffentlichkeit verwehrt bleiben! Wenn wir als Team dazu beitragen können den Vorgang zu beschleunigen, ist das toll.

Auf der einen Seite gibt es „Einzelzeichner“,  dabei handelt es sich aber selten um Archäologen, sie benötigen häufig Hilfe bei der Ansprache der Objekte und der grafischen Umsetzung und es dauert eben länger. Auf der anderen Seite existieren Grafikbüros für Ausstellungen etc., aber auch dort braucht es eine lange Einarbeitung in Materie bspw. für Rekonstruktionen. Wir können die Recherche und die Lösungsfindung selbst übernehmen, sind mobil und flexibel – das ist für viele Kunden eine wirkliche Arbeitserleichterung!

Als Archäologen, Zeichner, Grafiker, Fotograf und 3D-Experten können wir ein Forschungsprojekt ab der Ausgrabung betreuen und sind in der Lage, die Arbeiten bis zur Publikation oder Ausstellung zu begleiten.

Das Angebot des Teams von „Archäologische Illustrationen“ umfasst ganz unterschiedliche Bereiche des archäologischen Arbeitens.

AG: Was würdet ihr als die größte Herausforderung eures Berufes beschreiben?

AK: Wir bieten Lösungen an, egal welche Anfrage kommt! Ich habe mal jemanden über uns sagen hören „die machen alles möglich“ – ich denke, das trifft es ganz gut. Wir müssen immer kreativ und auf dem Laufenden sein, deshalb ist es wichtig sich auf Messen und Konferenzen zu informieren (besonders im Bereich 3D), außerdem arbeiten wir ständig unter Zeitdruck, die meisten Aufträge sind eilig. Neben der „normalen“ Arbeit darf man die Werbung nicht vergessen, ob nun an einem Informationsstand, bei einem Vortrag, per Post, Newsletter oder Social-Media.

Organisation ist eine große Herausforderung: Wer macht wann was wo? Was ist fertig und kann in Rechnung gestellt werden, wofür muss ein Angebot kalkuliert werden und für wen muss eine Reise bzw. ein Hotel gebucht werden? Viele Funde können nicht ausgeliehen werden, dann müssen wir anreisen und vor Ort arbeiten, das bedeutet wir sind viel unterwegs. Wir müssen berücksichtigen, wie viele Aufträge wir gleichzeitig annehmen können, einige ziehen sich über Jahre, andere sind in zwei Wochen erledigt.

AG: Was umfasst eure Arbeit? Wer wendet sich an euch mit Aufträgen und wie sehen die normalerweise aus?

AK: Wir bekommen Anfragen von Universitäten, Forschungseinrichtungen, Museen und der Denkmalpflege. Es ist jedes Mal eine andere Anfrage: hier sind es Goldfunde aus einer exklusiven Grabung, danach setzen wir eine Publikation, Entwerfen ein Logo, die nächste Anfrage verlangt ein mehrere Meter großes Lebensbild fürs Museum oder ein 3D-Modell eines Museumsobjekts – langweilig wird es nie! Zudem arbeiten wir fächerübergreifend im Bereich der Prähistorischen Archäologie, der Vorderasiatischen Archäologie und der Klassischen Archäologie.

Natürlich bilden wir auch gern den Nachwuchs aus und bieten Zeichenkurse an. Seit geraumer Zeit erarbeiten wir einen Zeichenratgeber und denken auch über Zeichentutorials via YouTube nach.

Aktuell erarbeiten wir derzeit eine Archäologische Malmappe „Colouring Archaeology – Entdecke die farbige Vergangenheit“, dabei handelt es sich um eine neue Generation des Ausmalbuchs. Anhand von Originalfunden und bekannten Fundstätten haben wir historisch korrekte und künstlerisch anspruchsvolle Ausmalvorlagen erstellt. Es ist eine Hommage an das Handwerk des archäologischen Zeichnens.

AG: Auf welches eurer Bilder bzw. eurer Illustrationen seid ihr ganz besonders stolz?

AK: Im Bereich der Handzeichnungen sind wir besonders stolz, wenn wir für exklusive Funde oder Spezialfälle herangezogen werden, die man nicht jedem Zeichner zutraut. Derzeit zeichnen wir Funden aus dem Grab einer Keltenfürstin, leider sind die Zeichnungen noch top secret. 2016 haben wir für das Archäologische Landesmuseum Thüringen eine Auswahl von teilweise vergoldeten Bronze- und Silberfibeln des 5. und 6. Jh. fotografiert und gezeichnet, die waren spektakulär.

Zeichnung einer verzierten Bügelfibel mit Almandineinlagen im Tierkopfabschluss (Bild: Archäologische Illustrationen)

Mir liegt besonders die großformatige, digitale Rekonstruktion der römisch-kaiserzeitlichen Siedlung von Hitzacker-Marwedel am Herzen. Da ich dort Jahre lang selbst ausgegraben habe, freut es mich umso mehr, dass unser Lebensbild dabei hilft das Aussehen des längst vergangenen Fürstensitzes zu rekonstruieren und nun in der wissenschaftlichen Abschlusspublikation erscheinen wird.

Digitale Rekonstruktionen wie diese fallen ebenfalls in den Aufgabenbereich der IllustratorInnen (Bild: Archäologische Illustrationen)

Bemerkenswert ist auch die Arbeit unserer 3D-Profis, die sich immer wieder in neue Themenfelder einarbeiten und momentan an einem Kurzfilm über ein Gräberfeld arbeiten.

AG: Habt ihr in der Vergangenheit auch mit der Gamesbranche zusammengearbeitet? Oder könntet ihr euch diese Kooperation vorstellen, um beispielsweise Artworks für Spiele mit historischen Settings anzufertigen?

AK: Bisher haben wir noch nicht mit der Gamesbranche zusammengearbeitet, aber das wäre natürlich sehr interessant für uns und es würde gut zu unserem grenzüberschreitenden Konzept passen – immer raus aus der Komfortzone und jeden Tag etwas Neues lernen. Historisch korrekte Settings, die aufsehenerregend inszeniert werden, das hört sich nach einem spannenden Job an.

An dieser Stelle nochmals ein Dankeschön an das Team von Archäologische Illustrationen und Frau Dr. Anja Karlsen, die sich für dieses Interview Zeit genommen hat.

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