Mehr als nur gespaltene Köpfe: Wolfenstein schenkt uns ein neues Symbol für die Demokratie

Hinweis: Kleinere und größere Spoiler für Wolfenstein: The New Colossus geben sich in diesem Text einander die Hand.

Symbole und Allegorien beherrschen unsere Lebenswelt – ob im Alltag, im Berufsleben, in der Kunst, Religion, Politik. Getreu dem Sinnspruch “Ein Bild sagt mehr als tausend Worte” vermögen sie Gedanken, Philosophien, Geschichten und Hierarchien auf einem Blick zu illustrieren und sind damit gleichsam in der täglichen Kommunikation als auch im menschlichen Zusammenleben eine große Hilfe. Mehr noch als das, sie können inspirieren, leiten, Vorbild sein.

Und während selbst abstrakte Begriffe wie “Freiheit” und “Gerechtigkeit” ihre jeweils eigenen Symbole vor sich her tragen können, mangelt es unterdessem einem Begriff an Symbolkraft, der in unserer Lebenswelt so wichtig und relevant geworden ist, wie schon seit langer Zeit nicht mehr: Die Demokratie. Ausgerechnet Wolfenstein: The New Colossus unterbreitet zwischen den Zeilen seiner brachialen Schusswechsel, lockeren Sprüche und berührenden Momenten diesem alten Mangel ein Angebot: Sie bieten B.J. “Terror-Billy” Blazkowicz der Demokratie als Symbolbild an, indem er für noch weitaus mehr, als einen Rachefeldzug gegen ein faschistisches Regime steht. Wir müssen nur ein wenig zwischen den Zeilen des Spiels lesen, um diese Botschaft auch zu erkennen.

Mehr als nur eine Waffe

Schon in den ersten Spielstunden kommt es in mehrfacher Hinsicht zu einer Schlüsselszene: Nach Wochen im Koma und einer erbitterten Jagd im Rollstuhl auf Regime-Soldaten, liegt der nunmehr gebrochene Supersoldat Blazkowicz lahm und hilflos auf dem Boden. Vor ihm triumphiert Frau Engel, Generalin der faschistischen Regierung, die im Paralleluniversum von Wolfenstein: The New Colossus den Zweiten Weltkrieg gewonnen und die Welt erobert hat.

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Frau Engel setzt zur Hohnrede an (CR: Bethesda)

Sie kostet ihren Triumph aus, denn in ihrer Gefangenschaft befindet sich nicht nur Blazkowicz, sondern auch Carolina Becker, die Anführerin des Widerstandes, die bewusstlos von den kräftigen Händen eines Regime-Mechs festgehalten wird. Nicht mehr lange und Frau Engel wird sie mit einer wie aus dem Nichts herbei gereichten Axt köpfen. Doch noch eine weitere Person ist anwesend: Sigrun, die Tochter von Engel, steht eingeschüchtert im Hintergrund und wird mehrfach von ihrer Mutter gedemütigt, bis sie frustriert und überraschend Blazkowicz aus dieser verzwickten Situation befreit.

Für den Spieler ist diese Szene aus gleich mehreren Gründen wichtig. Zum einen erneuern und verfestigt sie das Feindbild des faschistoiden Regime, während Frau Engel ganz offen ihre Erbarmungslosigkeit, voyeuristische Brutalität und radikalen, menschenverachtenden Wertebilder ausdrückt. Zum anderen führt der Tod der Widerstandsleiterin Carolina dazu, dass Blazkowicz zum neuen Anführer erhoben wird und er sich plötzlich mit ungewohnter Verantwortung konfrontiert sieht.

Doch da passiert noch mehr, zwischen den Zeilen, im Hintergrund, in der Bildsprache. Denn mit dieser Szene wird ein Gegenstand eingeführt, der für die zukünftige Entwicklung von Blazkowicz – vom Nazis tötenden Supersoldaten zur Symbolfigur – von entscheidender Bedeutung ist: Die Axt. Sie steht in dieser Szene für noch weitaus mehr, als nur für die drohende Todesgefahr für unseren Helden. Betrachten wir diesen Spielabschnitt doch noch einmal genauer:

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Frau Engel tauscht ihren Generalsstab gegen die Axt, die ihr ein Regime-Soldat überreicht. (CR: Bethesda)

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Damit wird Frau Engel vom Richter zum Henker – und marschiert die Szene beherrschend auf ihr Opfer zu. (CR: Bethesda)

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Kurz vor der Hinrichtung wird sie vom zaghaften Einspruch ihrer Tochter Sigrun unterbrochen, die gegen das blutige Urteil ist. (CR: Bethesda)

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Engel weist ihre Tochter zurück, demütigt sie für ihre Nachsichtigkeit im Umgang mit den Widerstandsmitgliedern – und verlangt von ihr, sich in den Augen ihrer Mutter zu beweisen. Sigrun soll die Hinrichtung übernehmen – und übergibt ihr mit der Axt auch die Kontrolle über die Situation. (CR: Bethesda)

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Die Aufmerksamkeit aller Anwesenden ist nun auf Sigrun gerichtet, für die die Axt ein Symbol zur Rehabilitierung wird. Schlägt sie mit ihr zu, kann sie sich in den Augen ihrer Mutter beweisen. (CR: Bethesda)

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Aber Sigrun zögert und lässt die Axt schließlich ins Leere fallen. (CR: Bethesda)

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Sigrun geht mit der Axt zu Boden. Sie ist der Verantwortung und Aufgabe nicht gewachsen, mit der sie Engel konfrontiert hat. Ihre Mutter verhöhnt sie und nimmt die Axt wieder an sich. (CR: Bethesda)

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Geschickt und in der Rolle des Henkers geübt hantiert Engel noch ein wenig mit der Axt, bevor sie ihr Opfer schließlich hinrichtet. (CR: Bethesda)

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Stolz präsentiert sie ihre Trophäe, während die Axt noch immer in ihren Händen ruht. (CR: Bethesda)

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Engel setzt zur nächsten Hinrichtung an, doch Sigrun springt dazwischen und lenkt die Axt in den Kopf eines Regime-Soldaten. Im anschließenden Trubel flieht Engel vom Schauplatz. (CR: Bethesda)

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Fest dazu entschlossen, uns helfen zu wollen, greift Sigrun erneut zur Axt und schlägt uns einen Fluchtweg frei. (CR: Bethesda)

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Anschließend klammert sie sich atemlos an die Waffe, die für sie schließlich doch zu einem Symbol der Emanzipation und angenommenen Verantwortung geworden ist – nur eben auf eine andere Weise, als Engel es für ihre Tochter geplant hatte. (CR: Bethesda)

Während dieser Szene hat sich die Bedeutung der Axt vor den Augen aller Anwesenden gewandelt: Aus dem Richterwerkzeug, das Gefahr und Tod bedeutete, wurde ein Schlüssel zur Hoffnung und Freiheit für den Widerstand.

Direkt im Anschluss an seine Befreiung findet Blazkowicz seine eigene Axt, ein handliches Beil, das ihm fortan nicht nur als praktisches Werkzeug, sondern auch als brutale Nahkampfwaffe im Kampf gegen das Regime dienen wird. Die Wahl dieser Waffe ist dabei alles andere als zufällig, sondern eine Fortsetzung der Symbolik, die mit der Befreiungsszene etabliert wurde.

(CR: Bethesda)

Gespaltene Köpfe für den Neuanfang

Während Blazkowicz im Vorgängerspiel noch Messer und Rohrzange im Nahkampf schwang, wechselten die Entwickler von Machine Games in The New Colossus zum Beil. Spielmechanisch ändert sich damit nichts, doch die Präsentation gewinnt durch die Natur dieser neuen Waffe an Brutalität: Statt eingeschlagenen Köpfen werden diese direkt vom Leib getrennt, während literweise Blut über Bildschirm und Blazkowicz Hände flatscht.

Doch mit dem Waffenwechsel gewinnt auch der Kampf von Blazkowicz selbst an einer neuen Symbolkraft. Denn die Axt gehört nicht nur seit den frühesten zivilisatorischen Kapiteln zum festen Werkzeug- und Waffenbestand der Menschheit, sondern ist zudem auch stark symbolisch aufgeladen. In zahlreichen Kulturkreisen stehen Varianten dieser Waffe in Verbindung mit der Dualität der Schöpfung und Vernichtung, dem Kreislauf des Lebens und dem Kampf gegen das Böse. Es dient eben nicht nur dazu, die Lebensfäden von faschistischen Soldaten zu durchtrennen, sondern steht auch für die Hoffnung auf eine friedliche Zeit nach diesem Kampf.

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Der Hinduismus kennt eine Gestalt namens Parashurama, die von Shiva eine magische Axt erhalten hat, um das Böse in der Welt zu bekämpfen.

Und diese Bedeutung spricht B.J. selbst immer wieder auf: Die Hoffnung auf einen Neuanfang in einer Zeit nach dem Regime lässt Blazkowicz auch in seinen dunkelsten Momenten nicht verzweifeln. Immer wieder erinnert er sich selbst an seine Kinder, die nicht in einer vom Faschismus regierten Welt aufwachsen sollen. Er tötet, um Platz für das neue Leben zu schaffen. Diese Waffe ist Sinnbild seiner Identität und seines Antriebs. Noch deutlicher wird die Wichtigkeit der Axt für Blazkowicz, wenn er sie im Laufe seines Abenteuers kurzzeitig verliert – oder, wenn er sie besonders eng an sich drückt. Momente wie diese sagen mir, dass sich die Entwickler zumindest teilweise der Symbolik dieser besonderen Waffe bewusst waren.

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Gegen Ende des Spiels tauscht B.J. seine Waffen gegen eine Verkleidung ein, die ihm als Schauspieler den Zugang in die Basis des Regimes ermöglichen soll. Als ein Regime-Soldat sein Gepäck auf B.J.s Zimmer bringt, entdeckt er eine Schusswaffe und will Alarm schlagen. (CR: Bethesda)

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Blazkowicz greift nach einem Beil, das beim Türeingang liegt und tötet damit den Soldaten. (CR: Bethesda)

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In dem Moment, als er das Beil wieder an sich nimmt, beschließt er, seine Tarnung aufzugeben und sich durch die Nazi-Horden zu seinem Ziel zu kämpfen. Sie gibt ihm wortwörtlich seine Identität zurück. (CR: Bethesda)

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Der Anführer des Regimes stellt seine Vision einer Verfilmung des Kampfes gegen Blazkowicz vor. In „das Ende alles Bösen“ triumphiert die faschistische Weltregierung über den Widerstand – und B.J. liegt im Vordergrund plakativ hilflos am Boden, während er sich verzweifelt nach seiner Axt streckt. Er ist machtlos, sein Kampf ist verloren, die Axt befindet sich nicht mehr in seinen Händen. (CR: Bethesda)

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Im großen Finale steht die entscheidende Konfrontation mit Frau Engel kurz bevor, die für all das Leid steht, dem der Widerstand und seine Anhänger ausgesetzt waren. B.J. zückt sein Beil und betrachtet es fast liebevoll.  (CR: Bethesda)

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Nachdem Blazkowicz der Angriff auf Frau Engel gelungen ist, beginnen seine Mitstreiter eine Art Abmoderation in eine Fernsehkamera, in der sie zum Widerstand gegen das Regime aufrufen. B.J. hält während dieser Rede seine Axt im Hintergrund hoch erhoben und übt einige trockene Schwinger, bevor er sich zu seinen Kameraden gesellt. Sein Kampf ist noch nicht vorbei, die Waffe darf er noch nicht ablegen, der endgültige Neuanfang ist noch nicht gelungen. (CR: Bethesda)

Ein Symbol für die streitbare Demokratie

Wolfenstein war in seinen Anfangstagen kein Shooter zum Mitdenken: Als Pixel-Soldat mit dünner Hintergrundgeschichte, aber komplexer Muskelregionen eiferten Spieler der 1990-er Jahre den höchsten Plätzen der Highscore-Listen hinterher, während sie zahllose Nazis in den Programmiercode zurückballerten. Rund dreißig Jahre später sind Story-Skript, Waffeninventar und Charakter-Riege gewachsen, doch die ursprüngliche Essenz wurde beibehalten: Bekämpft die Nazis, lieber Spieler, denn die Nazis sind nicht die Guten. Was aber früher ein Feindbild war, auf das man sich unter dem Eindruck der jüngeren Geschichte einigen konnte, ist heute zum scheinbar streitbaren Politikum geworden: Dürfen Nazis noch als eindimensionales Feindbild dienen? Oder ist das nicht schon menschenfeindlich, diskriminierend, politisch falsch?

Die Marketingabteilung von Wolfenstein: The New Order fand auf diese Fragen klare Antworten:

Und auch das Spiel selbst lässt kaum eine Gelegenheit aus, Stellung gegen “Alt-Rights”, “White Supremacists” und Neonazis zu beziehen – selbst der amerikanische Präsident Trump wird als unliebsames, vermeidbares Phänomen erwähnt.

https://twitter.com/rainersigl/status/926409533538357249

Doch Wolfenstein: The New Colossus nutzt eben nicht nur Storyboard und Sammelgegenstände, um Kritik am Faschistoiden zu üben. Mit einer überraschenden Feinfühligkeit führt das Entwicklerteam ein neues Attribut für Blazkowiczin ein und macht damit den Supersoldaten noch zu weitaus mehr, als nur zu einer effizienten Nazi-Tötungsmaschine: Er wird zum Symbolcharakter – oder lässt sich zumindest als ein solcher lesen.

Die Axt ist der Schlüssel zum Verständnis von Blazkowicz und wofür er heute steht. Ihre wiederholt prominente Platzierung in den Schlüsselszenen des Spiels macht aus dem Hünen mehr, als nur einen verbissenen Krieger und erhebt ihn zum Patron der streitbaren Demokratie, die in Zeiten der größten Bedrängnis Widerstand leisten muss, um ein Leben in Freiheit und Gleichstellung zu schützen – wohl wissend, dass nach der Zeit des Kampfes ein Neuanfang in Frieden wartet. Für diese Idee und Vision macht sich Blazkowicz in Wolfenstein: The New Colossus zum Symbol und erhebt den neusten Teil des Shooter-Franchises damit zum vielleicht wichtigsten Spiel des Jahres 2017.