Forschung Projekt RUST

Zwischen Kampfhubschraubern und Straßenkämpfen: Die seltsame letzte Nacht der virtuellen Großstadt Capetown

Eine virtuelle Großstadt soll abgerissen werden – nicht allerdings ohne eine letzte, große Show. Doch das Event eskaliert und macht mich zum Zeugen einer bizarren Nacht.

In der Nacht des 16. Dezembers sollte die Stadt Capetown restlos zerstört werden. Noch vor wenigen Tagen lebten hier zwischen 60 und 80 Spielern – in der Welt des Rollenspiels RUST Factions sind das Einwohnerzahlen einer ausgewachsenen Großstadt. Täglich pilgerten dutzende Touristen hierher, um die chaotische, kreative Architektur der Skyline mit eigenen Augen zu sehen und anschließend die berühmten Chicken-Snacks bei einem der zahlreichen Imbisse zu kaufen.

Das alles sollte jetzt enden. Zwei Tage vor der geplanten Zerstörung von Capetown veröffentlichte der Server-Admin und ehemalige Bürgermeister der Stadt einen Aufruf zur Evakuierung.

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Dabei handelte es sich nicht um eine inszenierte Tragödie, die das Rollenspiel auf dem Server beleben sollte. Im Gegenteil: Keiner der Admins wollte Capetown verlieren, das inzwischen zum Aushängeschild ihrer Community geworden war – doch ein technisches Problem zwang sie zu der Entscheidung.

Zu viele Spieler, zu viele Ruinen

In den vergangenen Wochen traten so viele Spieler der Community von RUST Factions bei und errichteten ihre eigenen Gebäude und Städte, bis der Server allmählich unter der Belastung zu ächzen begann. Immer mehr Darstellungsfehler, längere Ladezeiten und Netzwerkprobleme beeinträchtigten das Spielerlebnis spürbar.

Um den Server zu entlasten, planten die Admins ein Plugin zu aktivieren, das alle ungenutzten Gegenstände und die Gebäude der Spielwelt, die schon lange nicht mehr von Spielern benutzt und verwaist sind, löscht. Doch diese eigentlich elegante Lösung brachte ein großes Problem mit sich, das mit der Baugeschichte der berühmten Großstadt zusammenhängt: Die meisten Häuser in Capetown wurden auf den Überresten älterer Gebäude errichtet, die irgendwann von ihren ehemaligen Besitzern zurückgelassen wurden. Eine spannende Bausituation, die in dieser Form in der Welt von RUST eher selten zu sein scheint.

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Ein Blick von außen in die Stadt.

Die Admins mussten also mit der Möglichkeit rechnen, dass das aktive Plugin das Fundament der Stadt einfach in Luft auflösen würde. Ein Zusammenbruch der gesamten Stadt wäre die Folge – eine Todesfalle für die Bewohner, die mit ihrem virtuellen Leben auch ihren kompletten Spielfortschritt verlieren würden. Also mussten die Menschen von Capetown ihre Stadt verlassen und sich in den Nachbarorten ein neues Zuhause suchen. Die Admins hatten angekündigt, dass sie sich etwas ganz besonderes für die letzten Stunden von Capetown ausgedacht hatte. Viele Spieler wollten herausfinden, was sich hinter diesem Versprechen verbarg.

Einige von ihnen kehrten deswegen ein letztes Mal an die Stadtgrenze zurück, um die Zerstörung ihrer Heimat in einer Art “Public Viewing” mitanzusehen. Sogar einige Reporter der Freeton Financial Times, einer von Spielern betriebenen Nachrichtenredaktion auf dem Server, wollten das Ereignis via Twitch-Livestream dokumentieren. Und auch ich plante, mir die Nacht um die Ohren zu schlagen, um herauszufinden, wie die geplante Zerstörung einer virtuellen Großstadt aussehen würde.

“Es ging alles schief, was schiefgehen konnte.”

Ich betrat den Server am 16. Dezember um 1 Uhr Nachts, eine Stunde vor dem Start des Abschiedsevents. Zu meiner Überraschung waren die Tore von Capetown, die seit der erfolgreichen Evakuierung fest verschlossen waren, nun sperrangelweit offen. Ich nutzte die Gelegenheit, um ein letztes Mal durch die Stadtanlage zu spazieren.

 

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Obwohl Capetown nach der erfolgreichen Evakuierung der Einwohner fast menschenleer war, bekam ich doch einen guten Eindruck davon, wie das Leben auf den Straßen noch vor wenigen Tagen pulsiert haben muss: Straßenschilder wiesen mich auf Diskotheken, Hotels und Restaurants hin, während ich sogar ein Flüchtlingszentrum entdecken konnte, das kurz vor der Evakuierung der Stadt eingerichtet wurde. Wie mir ein ehemaliger Einwohner von Capetown auf Nachfrage verriet, koordinierten die Admins in diesem Refugee Center die ausziehenden Stadtbewohner und informierte über mögliche Reiseziele für die nun frisch Heimatlosen. Nachdem alle Capetowner ein neues Zuhause gefunden und die Anlage verlassen hatten, wurde das Flüchtlingszentrum, wie auch der Rest der Stadt dem Sprengkommando übergeben – wie auch immer das aussehen würde.

Nach meinem Rundgang durch die Stadt zog ich mich auf einen Felsen zurück, der einige hundert Meter eine gute Übersicht über Capetown und die Hügelketten im Westen erlaubte. Ich war bereit, die Zerstörung der virtuellen Stadt mitanzusehen. Pünktlich um 2 Uhr hörte ich dann die ersten Explosionen, gefolgt von dem Geräusch mehrerer Helikopter, die sich langsam dem Stadtgebiet näherten.

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Die ersten Explosionen ergeben vor dem Hintergrund der Abendröte ein malerisches Bild.

“Das war der Moment, ab dem alles nur noch schief lief.” Das gesteht mir Gamegeared, ein Admin des Servers und verantwortlicher Leiter der Zerstörung von Capetown. Er hatte sich das Programm des Abschiedsevents ausgedacht und dafür einige Effekt-Mods (= Modifikationen, also von Nutzern erstellte Inhalte für RUST) vorbereitet. Nun überwachte er den Ablauf direkt vor Ort. Und so konnte Gamegeared auch aus nächster Nähe beobachten, wie einige Spieler, die sich zu einer Viewing Party zusammengefunden hatten, plötzlich verschwanden.

Der Grund für das plötzliche Verschwinden: Ihr Spiel war abgestürzt, weil der Admin zu viele Effekte (Helikopter, Explosionen und einige andere Kleinigkeiten, die später wichtig werden würden) gleichzeitig aktiviert  und damit die Computer vieler Spieler überfordert hatte. Das sollte Gamegeared aber erst Stunden später, nach dem Event erfahren: “Ich hätte eigentlich viel früher bemerken sollen, was der Grund für die Disconnects ist. Spätestens aber, als auch ein anderer Admin vom Server flog, weil auch sein Rechner nicht mit meinen Effekten klar kam, hätte ich Bescheid wissen müssen.”

Und während Gamegeared noch über den Verbleib dutzender Zuschauer rätselte, erreichte das Event den nächsten Höhepunkt – erneut inklusive unbeabsichtigter Nebeneffekte.

“Die Idee war, dass drei Helikopter das Stadtgebiet überwachen und leichtsinnige Spieler während des Events davon abhalten sollen, nach Capetown zurückzukehren und ihr virtuelles Leben auf’s Spiel zu setzen“, erklärt Gamegeard. Allerdings hatten die Helikopter, die von einer KI gesteuert wurden, andere Pläne und machten sich kurz nach ihrem Erscheinen daran, die versammelten Zuschauer mit schweren Maschinengewehren anzugreifen. Ich hatte Glück: Mein Aussichtspunkt auf der gegenüberliegenden Seite der Stadt, weit entfernt von den übrigen Zuschauern, wurde bis auf einen Schreckmoment von den KI-Helis ignoriert.

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Einer der KI-Helikopter nimmt mich auf’s Korn.

Die übrigen Spieler aber waren nun damit beschäftigt, die schwer gepanzerten Helikopter abzuwehren, statt Capetown die letzte Ehre zu erweisen. Immer mehr genervte und wütende Chat-Nachrichten beschwerten sich bei den Admins und verlangten, dass die Helikopter wieder deaktiviert werden sollten. Schließlich lenkte Gamegeared ein, schmiss seine Eventplanung über den Haufen und entfernte die KI-Angreifer frühzeitig wieder aus dem Spiel – doch da war schon das nächste Problem im Anmarsch.

Zwischen Kampfhubschraubern und Straßenkämpfen: Das Event eskaliert

Noch Stunden vor dem Event hatten die Admins verkündet, dass die Stadt Capetown und die unmittelbare Umgebung zum “KOS-Areal“ erklärt werde. “KOS“ steht hier für “Kill on sight“ und erlaubt Spielern, ungestraft jeden Menschen angreifen zu dürfen, den sie zu Gesicht bekommen – normalerweise ein Verhalten, das in der Nähe größerer Städte oder sonstiger öffentlicher Gebiete streng verboten ist.

Die Idee hinter dieser ungewöhnlichen Ankündigung erklärt mir Gamegeard: “Wir wollten um jeden Preis verhindern, dass sich Spieler trotz unserer Warnung der Stadt nähern. Also haben wir eine ‘KOS’-Zone eingerichtet und sind schwer bewaffnet so nah wie sicherheitstechnisch irgendwie möglich an den Stadtgrenzen entlangpatroulliert. Spieler, die uns begegneten, wollten wir mit Warnschüssen vertreiben. Das ganze war also als Abschreckung gedacht.” Völlig unterschätzt hat Gamegeared dabei allerdings die Rage, in die sich einige der Zuschauer während der Abwehrgefechte gegen die Hubschrauber hineingesteigert hatten. Und so begannen die Spieler nach dem Verschwinden der Helis kurzerhand damit, sich gegenseitig und auch die Admins anzugreifen.

Um die Eskalation zumindest ein wenig einzudämmen, aktivierte Gamegeard nach einigen Schusswechseln frühzeitig die nächste Phase des Events: Ganz im Sinne des anstehenden Weihnachtsfestes tauchten an verschiedenen Orten in der Nähe von Capetown Geschenkboxen auf, die zufällige, weihnachtliche Items enthielten (ich habe einen Nikolaus-Socken erwischt!). Spieler, die an den anarchischen Kämpfen vor den Toren der Stadt beteiligt waren, berichteten mir, dass diese Überraschung tatsächlich eine Weile die Gemüter beruhigen konnte. Jeder war damit beschäftigt, nach den Geschenkboxen zu suchen.

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Zufällig verteilte Weihnachtsgeschenke sollen die Stimmung auflockern.

Wie mir Zeugen des Events bestätigten, dauerte es allerdings nicht lange, bis jemand erneut das Feuer eröffnete und die letzte Disziplin der Viewing Partys zerstörte. Das war auch etwa der Zeitpunkt, als ich meinen Aussichtsposten aufgab und mich ins nächste Gebüsch schlug, um die eigentliche Zerstörung von Capetown miterleben zu können.

Nur leider hat auch das nicht geklappt.

“Es ging alles schief, was schiefgehen konnte“, fasst Admin Gamegeared die folgenden Momente zusammen, als es ihm nicht einmal gelingen wollte, die Stadt wie geplant zu zerstören. Denn nachdem er das Plugin aktiviert hatte, das allen Erwartungen nach zumindest einen Teil von Capetown in sich zusammenbrechen lassen sollte, passierte schlichtweg – nichts.

Grund dafür war eine Besonderheit des Plugins, wie Gamegeared und ein befreundeter Hobby-Entwickler erst am nächsten Tag herausfinden sollten: “Ich hatte nicht gewusst, dass das Plugin seine eigenen Datensätze nutzt, um zu ermitteln, ob Gebäude schon länger verwaist sind oder noch aktiv genutzt werden.” Das aktivierte Plugin konnte aus diesem Grund das tatsächliche Alter der Gebäude nicht bestimmten, sondern identifizierte die gesamte Spielwelt – inklusive Capetown – als gigantischen Neubau.

Der Frust unter den Admins, aber auch unter den Spielern, die noch immer am Stadtrand gegeneinander kämpften, war zu diesem Zeitpunkt gigantisch. Einige schwer bewaffnete Spieler begannen schließlich, die Stadt Capetown zu stürmen und sich dort weiter zu bekriegen. Die Admins und die restlichen, noch lebenden Zuschauer zogen sich enttäuscht von der Stadt zurück. Seit dem Startschuss des Events waren mittlerweile knapp vier Stunden vergangen.

Das Nachspiel

“Wir werden uns jetzt genau überlegen, was wir mit Capetown anstellen. Die Stadt muss aber definitiv weg, der Server braucht dringend Entlastung“, erklärt mir der glücklose Abrissmeister Gamegeared seine Gedanken. “Wenn es nicht anders geht, müssen wir die betroffenen Gebäudeteile eben manuell entfernen und löschen. Die Stadt riegeln wir aber jetzt auf jeden Fall ab.”

Ein großer Teil der Community scheint unterdessen dieses misslungene Event bereits nach wenigen Stunden wieder vergessen zu haben. Im offiziellen Subreddit, dem Hauptkommunikationskanal der RUST Factions-Spieler, herrscht längst schon wieder Alltagsbetrieb: Handelswege werden verhandelt, Fraktionen vorgestellt und Kriege erklärt. Doch dieser Eindruck der Gleichgültigkeit täuscht: Wie mir die Admins während unseres Interviews verraten, hat eine Gruppe von Spielern angekündigt, ein zweites Capetown an einem anderen Ort zu errichten und dem misslungenen Event regelmäßig mit einer Art Festival zu gedenken. Wie genau das aussehen wird, versuche ich noch herauszufinden – doch es scheint, als würde die Geschichte von Capetown und der wohl seltsamsten Nacht in der Geschichte von RUST Factions so schnell nicht vergessen werden.

Ich habe das komplette Event aufgezeichnet und einen Teil des Materials, das die verschiedenen Phasen der „Zerstörung“ dokumentiert, auf YouTube veröffentlicht. Wer mag, kann sich das Beschriebene also mit eigenen Augen ansehen!

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