Es ist eine vertraute Situation: Wir halten die Kamera auf unser Gesicht, machen ein Foto – und sind unzufrieden mit dem Ergebnis. Der Winkel stimmt nicht, da war ein Fleck auf dem Tshirt oder das Licht ist falsch. Aus zwei Versuchen werden dutzende, bis das Selfie schließlich perfekt ist. Filter sorgen für den finalen Feinschliff, bis das Selbstporträt schließlich in den sozialen Netzwerken landet. Das Bild, das der Betrachter auf der anderen Seite des Internets sieht, wird zum Idealbild des Porträtierten – nicht zwangsläufig im Sinne des gesellschaftlichen Ideals, aber zumindest ideal nach dem eigenen Selbstbild.
Porträtforscher, die sich mit antiken Büsten und Selbstbildnissen beschäftigen, können bei diesem Alltagsbeispiel wissend nicken, denn auch sie diskutieren regelmäßig über eine ganz grundlegende Frage: Stellen die Bilder, die sie erforschen, die Realität oder doch ein stilisiertes Idealbild dar?
Auch wenn in vielen Fällen diese Suche nach der Wahrheit zu keinem Ergebnis führt, so sind diese Diskussionen doch wertvoll. Sie erinnern alle Teilnehmer daran, dass wir nicht sicher sein können, ob das Bild der Antike wirklich so ausgesehen hat, wie es sich auf den ersten Blick inszeniert.
In Medien wie Filmen, Darstellenden Künsten, Büchern oder Videospielen kann dieser unsichere Status Quo des Erkenntnisstandes naturgemäß natürlich nicht wiedergegeben werden. Eine Figur muss beschrieben werden, auf ein Aussehen festgelegt werden, damit sie in einer Geschichte mit anderen interagieren kann – mehr noch in Bildmedien als in geschriebener Form. Handelt es sich bei diesen Figuren um historische Persönlichkeiten aus einer Zeit, in der Porträtforscher noch immer nach dem “wahren Bild” suchen, stehen die Verantwortlichen vor einer schwierigen Aufgabe: Wie soll ihre Figur nun aussehen, wenn es keine Fotografien oder ähnlich vermeintlich verlässliche Quellen gibt?
Auch Ubisoft musste sich während der Entwicklung von Assassin’s Creed Origins mit dieser Frage auseinandersetzen. Ihr Spiel ist im Alten Ägypten verortet und lässt im späten 1. Jahrhundert vor Christus einige der bekanntesten Vertreter des Antiken-Ensembles aufmarschieren. Unter ihnen ist auch die berühmte Kleopatra, die in den Werbevideos des Spiels einen festen Platz, aber nur wenige Szenen Zeit hat, sich auch Spielern vorzustellen, die diese Person noch nicht kennen. Damit wird jeder Frame, jede Kamerafahrt, jede Zeile gesprochenes Wort zu einer Quickie-Charakterisierung, die tief in den Recherche-Prozess von Ubisoft blicken lässt.
Obiger Trailer “Game of Power” stellt die verschiedenen Fraktionen und ihre Machtspiele im Ägypten von AC Origins vor und setzt damit den Rahmen für die Abenteuer, die den Spieler erwarten werden. Hier wird Kleopatra erstmals in Länge vorgestellt. Sie wird hier als kühle und gerissene Strategin inszeniert, die wortwörtlich aus dem Schatten heraus mit einer Reihe von Attentaten das politische Kräfteringen des Landes zu ihren Gunsten ausschlagen lassen will.
“The exiled Queen Kleopatra thirsts for power. She whields followers with lethal skill in pursuit of her throne.”
Neben Szenen, die sie als Strategin und Attentäterin zeigen, wird ihr allerdings noch eine dritte Qualität zugesprochen: Schönheit und erotische Versuchung.
Ihr gegenüber und bildsprachlich stark kontrastierend steht die zweite Fraktion, angeführt von Gaius Iulius Caesar, der mit folgenden Worten vorgestellt wird:
„Caesar, the legendary tactician, with the might of Rome at his back. His true motives are unclear, but he will have his say before the war is over.“
Szenen von See- und Landschlachten dominieren seine Vorstellung, bevor Kleopatras Worte beide zueinander führt:
“Together we can do more than Alexander the Great did.”
Mit dieser Darstellung von Kleopatra folgt Ubisoft der Tradition, die seit nunmehr über hundert Jahren und länger von verschiedensten Medien geformt wurde: Kleopatra, die wunderschöne Herrscherin, die den Männern den Kopf verdreht und dabei selbst nach der Macht strebt.
Offenbar scheint sich also die Medienwelt seit Jahrhunderten mehrheitlich über das Aussehen der Herrscherin einig zu sein und auch Ubisoft schließt sich diesem Bild an. Mit den historischen Quellen hat das allerdings reichlich wenig zu tun – und hier beginnt sich auch allmählich, die enttäuschende Erkenntnis abzuzeichnen.
Kein eindeutiges Geschichtsbild
Nur wenige uns heute zugängliche, erhaltene archäologische Quellen geben Auskunft über das Aussehen von Kleopatra – diejenigen aber, die uns zur Verfügung stehen, zeichnen ein übereinstimmendes Bild. Beide nachfolgenden Münzbilder stammen aus dem 1. Jahrhundert vor Christus.
Eine mehr oder weniger ausgeprägte Hakennase, große, hervortretende Augen und ein niedriges Kinn prägen die Gesichtszüge der Herrscherin auf Münzen und Marmorbüsten. Von Spuren der “idealen Schönheit”, zu der Kleopatra in der Moderne erhoben wurde, ist hier nichts zu finden.
Aber auch über diese offenbar so eindeutige Quellenlage zerstreiten sich Porträtforscher: Ist die Darstellung von Kleopatra wiederum nur Kalkül, um mit der optischen Ähnlichkeit zu ihrem Vater einen Herrschaftsanspruch auszudrücken? Eine finale Antwort auf diese Frage wird es wohl niemals geben. Aber gerade deswegen ist die Herangehensweise von Ubisoft an die Quellen eine große Enttäuschung.
Die verpasste Chance
Mit einem Blick auf die archäologischen Hinterlassenschaften liegt der wohl wenig überraschende Schluss nahe, dass das verbreitete Bild der Kleopatra sexistische Klischees reproduziert: Die Herrscherin vom Nil ist die Femme fatale, verführerisch, faszinierend und verderbend zugleich, über Jahrhunderte hinweg dem zeitgenössisch westlichen Ideal von Schönheit entsprechend – und weit entfernt von den Eindrücken, die die historische Quellenlage hinterlässt.
Dieser Darstellungskonvention schließt sich Ubisoft wie so viele andere Schaffer ebenfalls an und verpasst damit die Chance, das Bild dieser Herrscherin in den Köpfen der Spieler in Frage zu stellen. Die unsichere Quellenlage wäre bei einer Begründung auf der Seite der Entwickler gewesen und doch entschied man sich dagegen. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass das Entwicklerteam nicht müde wird zu beteuern, wie ernst die historische Recherche genommen wurde, ist diese Handlungsweise umso unbefriedigender.
Hier scheint mit zweierlei Maß gemessen zu werden: Vor allem hinsichtlich der Architektur, der Sprache und der Darstellung aller möglichen altägyptischen Gegenstände waren die Entwickler ganz offensichtlich bemüht, so nah wie möglich an den historischen Quellen zu bleiben.
Das Aussehen der berühmtesten Protagonisten hingegen ist von dieser Umsichtigkeit ausgeschlossen und geht mit dem Zitieren sexistischer und verfälschender Bildkonventionen den Weg des geringsten Widerstandes. Den Entwicklern steht es dabei natürlich per se frei, ihre Spielwelt zu gestalten, wie sie es wollen – aber dann müssen sie zumindest die so beeindruckend klingenden Schlagwörter wie “realistisch”, “Respekt vor der Geschichte” und “historisch korrekt” aus ihren Marketing-Phrasen streichen. Alles andere verhärtet lediglich ein tradiertes Geschichtsbild, das schon seit Jahrhunderten unreflektiert reproduziert wird.

