Von Dämonen & Kentauren: Ein Blick hinter die Kulissen des Covers von Doom

Das Doom-Cover ist ein Meisterwerk – weil es ein besonderes Kapitel der Kunstgeschichte zitiert.

Die Welt von Doom setzt sich aus sehr simplen Bausteinen zusammen. Der Spieler schlüpft in die Haut eines Elite-Kämpfers, der es gegen Horden von Dämonen, Tierbestien und sonstiger Teufelsbrut aufnehmen muss. Es gibt keine Grauzeichnung, kein “aber was, wenn…?”, sondern nur die Konfrontation zweier Antithesen: Die menschliche Zivilisation (mit einem ordentlichen Schuss Retro-Futurismus) gegen das Ungezähmte, Unnatürliche, Unheimliche und Unerklärliche.

Als ich vor 20 Jahren erstmals mit Doom in Kontakt kam, war ich nicht nur von den Eindrücken aus dieser Spielwelt, sondern ganz besonders von dem Artwork der Spielepackung fasziniert: Ein Space Marine stemmt sich im Bildmittelgrund gegen eine herannahende Dämonen-Horde mit entstellten Gesichtszügen, hämischen Grinsemündern und weit aufgerissenen Augenpaaren. Während die linke Hand des Soldaten bereits in einer verzweifelten Geste von einer der Bestien gepackt wird, feuert die andere das letzte Magazin in die heranstürmende Menge. Wegen der Atemmaske erkennen wir nicht die vollständigen Gesichtszüge des Marines, doch seine Augen wirken konzentriert, fast schon gefasst, als würde er sich seinem unvermeidlichen Schicksal hingeben – eine Deutung, die von der Gestik der offenen linken Hand noch einmal aufgegriffen wird.

Im Hintergrund befindet sich ein weiterer Space Marine, der zwar die gleiche Rüstung trägt, sich in seinem Verhalten aber grundsätzlich von seinem Mitstreiter im Vordergrund unterscheidet: Er will seinem Kameraden zu Hilfe eilen, seine Unsicherheit und Panik spiegelt sich in der instabil wirkenden Haltung und der ausgestreckten Hand wieder. Wir können seine Rufe fast schon hören, während wir ihm bei seinem verzweifelten Versuch beobachten, seinem Mitstreiter noch rechtzeitig beizustehen oder zur Flucht zu bewegen – doch dessen Leben scheint bereits verloren. Unsere Augen wandern schließlich zur Titelzeile: Doom, das unabwendbare Schicksal, das massiv, unbeweglich und unverrückbar über dem Geschehen thront.

Das Spiel mit der Symmetrie

Dieses Artwork komprimiert die Stimmung der Spielwelt und die kommenden Herausforderungen, denen sich der Spieler stellen muss: Die Space Marines werden in der Unterzahl gegen ein Heer aus Dämonen antreten müssen, die alles daran setzen werden, den Spieler zu überwältigen. Das Bild ist eine Warnung und zeigt die Konsequenzen, wenn sich die Spielfigur nicht mit gebührender Vorsicht durch die Spielwelt bewegt, während wir gleichzeitig einen ersten Blick auf die Gegner werfen können, die in den Leveln bereits auf uns warten.

Doch in diesem Bild steckt noch mehr als eine Verbildlichung des Spielgefühls von Doom (oder eine Zusammenfassung des Plots, wie einige Fans seit Jahrzehnten immer wieder diskutieren). Der Zeichner Don Ivan Punchatz bediente sich bei der Konzipierung dieses Covers bei einem Grundprinzip der Bildkomposition, das dem gesamten Bild noch eine weitere Ebene verleiht:  Das Spiel von Symmetrien und Asymmetrien.

Der Körper des Space Marine im Bildmittelpunkt scheint vollständig angespannt zu sein: Seine Beine stemmen sich gegen den Untergrund, der muskulöse rechte Oberschenkel ergibt mit dem starr ausgestreckten Arm einen rechten Winkel. Einzig seine offene Linke, die sich verzweifelt öffnet, bricht mit der Symmetrie des restlichen Körpers. Im starken Kontrast dazu stehen die vielfach verrenkten Gliedmaße und entgleisten Gesichtszüge der Dämonen – einer von ihnen präsentiert uns seine Fratze sogar direkt.

Die Gesichtszüge der Dämonen sind verzerrt, während die Starrheit des Marines durch den symmetrischen Helm noch betont wird.

Jahre nach meinem Erstkontakt mit Doom zeigte einer meiner Archäologie-Professoren während seiner Vorlesung über griechische Kunst eine ganz besondere Rekonstruktion: Die sogenannte Kentauromachie (“Kampf der Kentauren”), wie sie auf dem Westgiebel des Zeustempels in Olympia gezeigt wird. Im Mittelpunkt dieser Darstellung steht der 3,15 Meter große Gott Apollon, der auf der Hochzeit der Lapithen erscheint, um den menschlichen Gastgebern gegen die wilden Kentauren beizustehen, die sich während der Feierlichkeiten betrunken und eine brutale Schlägerei angezettelt haben. Wir sehen einen der Pferdemenschen dabei, wie er einem Lapithen in den Arm beißt, ein anderer versucht eine Frau zu überwältigen. Es herrscht ein heilloses Chaos, in dem die aufrechte Gestalt des erschienenen Apoll wie ein Ruhepol und Anker wirkt.

Rekonstruktion des Giebelbildes, ausgestellt im Hamburger Kunstmuseum

Das Spiel der Symmetrie, wie sie der unbekannte Künstler hier anwendet, folgt dem gleichen Prinzip wie auf dem Doom-Cover von Don Ivan Punchatz: Hier sind es die Kentauren mit ihren wilden Fratzen und verrenkten Körperhaltungen, die die Bedrohung einer Ordnung verkörpern, dort sind es die Dämonen aus der Hölle. Gegen das Übel stellen sich Apollon und der Space Marine mit ihrer fast absoluten Symmetrie, die sich von dem umgebenden Chaos abhebt und Stärke signalisiert.

Diese Gegenüberstellung von Apollon und einem Kentauren macht das Spiel von Ruhe und Chaos als Kennzeichnung von menschlicher Ordnung und ungebändigtem, unmenschlichem Chaos besonders in den Gesichtszügen deutlich.

Es ist ein Jahrtausende altes Bildmotiv, das nichts von seiner Wirkkraft und Eindringlichkeit verloren hat. Nicht grundlos wählte die Community eine Hommage an das originale Doom-Cover als alternatives Box Art des 2016 erschienenen Franchise-Ablegers und zeigte der standardisierten “Typ mit Waffe läuft auf die Kamera zu”-Option den kalten Rücken.

Das Umschlagcover des 2016 erschienen Doom (links) ist eine Verneigung vor dem Original und spielt mit den gleichen Bildthemen.

Punchatz hat mit dem Cover von Doom Anfang der 1990er ein Meisterwerk geschaffen, das mit einem Bild mehr als tausend Worte spricht und mehr als tausend Jahre zurück in die Vergangenheit reist.

3 thoughts on “Von Dämonen & Kentauren: Ein Blick hinter die Kulissen des Covers von Doom

  1. Pingback: Lesenswert: Doom Coverart, freie Starentwickler, Horizon: Zero Dawn / Hörenswert: Jump’n’Runs | SPIELKRITIK.com

  2. flausensieb

    Es ist immer wieder spannend, wie unterschiedlich man Bilder interpretieren kann. Ich hab den Doom-Marine weder auf dem alten noch auf dem neuen Cover jemals als einen Unterlegenen wahrgenommen, es zeigt mir nicht „die Konsequenzen, wenn sich die Spielfigur nicht mit gebührender Vorsicht durch die Spielwelt bewegt“, sondern den trotz aller Gefahren immer noch dominanten Marine. Und ich glaube fest, dass hier vor allem eins zitiert wird: Die künstlerische Darstellung des Erzengels Michael im Barock (siehe etwa Giordano oder Rubens).

    1. Dom

      Ohja, das ist ein toller Einwurf. Durch meinen archäologischen Hintergrund & Schwerpunkt hatte ich erst mal einen ganz anderen Gedankengang, den zumindest ich wegen dieser offenen Hand, die so deutlich mit der Symmetrie bricht, als mögliche Interpretation sehe. Aber ja, ich sehe auch sehr gut, woher dein Einfall kommt – ach ich mag dieses Bild sehr, sehr.

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