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Stauffenberg-Skins und „Saubere Wehrmacht“-Mythen: Der Multiplayer von Call of Duty: WW2 ist eine ideologische Katastrophe

Call of Duty: WW2 bemüht sich darum, die Schlachtfelder und Geschichten des Zweiten Weltkrieges in einen unterhaltsamen Multiplayer zu pressen. Knapp zwei Monate nach Release des Spiels ist dieser Multiplayer zur ideologischen Katastrophe verkommen.

Der Multiplayer-Modus von Call of Duty: WW2 war schon immer ein Ort, an dem man lieber nicht zu lange über das „Warum?“ nachdenken sollte, denn diese Frage führt hier nicht sehr weit: Auf Knopfdruck schießen Lootboxen aus dem Himmel und landen im Match der Normandie. Einige der ausrüstbaren Embleme, die unter den Spielerprofilen angezeigt werden, machen Schießkommandos und Arbeiterlager zu Comic-Motiven. Und dann ist da noch diese Sache mit den Nazis.

Während in den Multiplayer-Matches eine 50%-Chance besteht, dass wir als Wehrmacht-Soldat spielen, bemühte sich Call of Duty: WW2 bislang darum, diese Tatsache fernab der Gefechte auszublenden. Der Charakter-Editor mit all seinen Anpassungsmöglichkeiten und freischaltbaren Kleidungsstücken, ein Feature-Schwergewicht eines modernen Shooters wie CoD, drehte sich ausschließlich um die Truppen der Alliierten.

Nur sie durften wir bisher in die Uniformen der Sowjetunion, der französischen Soldaten oder der britischen Fallschirmjäger stecken. Anpassungsmöglichkeiten für die Truppen der Wehrmacht, die wir unweigerlich zu einem nicht gerade kleinen Teil unseres Multiplayer-Lebens spielen würden, suchten wir bisher vergeblich. Ursprünglich vermutete ich persönlich dahinter den Wunsch, jedes Fettnäpfchen zu vermeiden, das sich mit Überschriften wie „In Call of Duty: WW2 dürft ihr Nazis einkleiden“ betiteln lässt. Der nun erschienene DLC-Erweiterung „The Resistance“ beweist allerdings, wie naiv ich mit dieser Annahme war.

Am 30. Januar 2018 erschien mit „The Resistance“ der erste DLC für Call of Duty: WW2 und erweiterte den Multiplayer des Hauptspiels nicht nur um neue Spielmodi, Schauplätze und Ausrüstungsgegenständen, sondern fügte auch die Möglichkeit hinzu, die Truppen der Achsenmächte optisch zu individualisieren.

Viele Auswahlmöglichkeiten gibt es aber (noch?) nicht: Passend zum Thema der kostenpflichtigen Erweiterung, die sich um den internationalen Widerstand gegen den Nationalsozialismus dreht, dürfen die Nazis nun zwischen zwei verschiedenen Skins wählen. Entweder ziehen sie mit ihrer Standard-Uniform in den Kampf – oder sie kleiden sich als den Widerstandskämpfer Claus Schenk Graf von Stauffenberg ein. Ein später Nazi-Gegner und Hitler-Attentäter in spe ist damit der erste optionale Skin für die Wehrmacht-Truppen. Das muss man erst mal sacken lassen.

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Während dieser optionale Uniformen-Tausch allerdings vielleicht noch auf den ersten, verschwommen Blick nach einem historisch-humoristischen Augenzwinkern der Entwickler klingen mag („In jedem Wehrmacht-Soldaten schlummerte ein Widerstandskämpfer, deswegen ist der optionale Skin auch ein Symbol des Widerstandes, cool, oder?“), löst sich diese Überlegung in Wohlgefallen auf, sobald wir ein neues Multiplayer-Match starten. Hier kämpfen die Nazi-Gegner und Widerstandskämpfer natürlich weiterhin gegen alliierte Truppen, verteilen Kopfschüsse an die Mitglieder des französischen Widerstandes und legen Bombenteppiche über die Stellungen der Amerikaner, Briten und Russen. Ein neuer Grad der Unsinnigkeit wurde erreicht – und es scheint nicht wirklich einen Ausweg für die Entwickler zu geben, diese Zwickmühle elegant zu lösen.

Denn im Sinne der Immersion und Logik wäre es nur richtig, den Wehrmacht-Soldaten als Anpassungsmöglichkeiten die Uniformen der verschiedenen Truppenverbände, Kompanien und SS-Staffeln zu überreichen – so, wie es auch auf der Seite der Alliierten und ihren Uniform-Pendants seit Release des Spiels passiert. Aber offenbar ist das eine moralische Grenzüberschreitung, die selbst für den Spieleentwickler noch klar erkennbar ist und die nicht zuletzt auf spektakuläre Weise mit dem sensiblen PR-Konstrukt kollidieren würde, das Publisher Activision und Entwickler Sledgehammer Games schon Monate vor Release des Spiels aufzubauen begonnen haben.

Der wiederbelebte Mythos der Sauberen Wehrmacht

Im September 2017 – rund zwei Monate vor Release des Weltkrieg-Shooters – stellten sich Michael Condrey und Glen Schofield, Köpfe des Entwicklerstudios Sledgehammer Games, den vielen Fragen der CoD-Community. In dem Interview mit der US-amerikanischen Spiele-Website GameInformer wurde schließlich eine Frage thematisiert, die nicht nur die Fans des Franchises seit der Ankündigung von Call of Duty: WW2 brennend interessierte: Müssen Spieler wirklich als Nazi im Multiplayer spielen? Gäbe es nicht eine Möglichkeit, permanent als alliierter Soldat in die Matches zu starten?

Auf diese Frage antwortet Condrey mit folgenden Worten:

“You’ll never play as a Nazi, you will play as a German or other members of the Allied or Axis forces… There’s an ensemble cast on the Axis side, but yes you will spend half your matches being the Axis side. (…) A lot of the Nazi soldiers weren’t on the frontlines of the battle anyway. When you think about what really happened in the war, the SS and the Nazi forces were doing other things than sitting out there defending Normandy Beach.

In fact, Normandy Beach was largely not even made up of Germans. It was made up of conscripted soldiers from other places that the Axis forces had captured. It does reflect what really happened, which is oftentimes the frontline fights were an ensemble cast of Axis forces, but they weren’t Nazis, they weren’t SS, and so that is the route we went.”

Es ist eine wagemutige Argumentation von Condrey: Er unterscheidet hier ganz grundsätzlich zwischen „normalen“, NS-entideologisierten deutschen Soldaten und „Nazis“, die während der großen, bedeutsamen Schlachten kaum gemeinsam gekämpft hätten. Noch dazu, erklärt Condrey, seien viele Truppenverbände der Normandie-Verteidigung gar nicht deutscher Nationalität gewesen – was nach Logik des Studio-Chefs ein sicheres Indiz zu sein scheint, dass es demnach auch keine Nazis gewesen sein können, die an den geschichtsträchtigen Stränden gekämpft haben.

Condrey paraphrasiert damit, vielleicht ohne es zu wissen,den sogenannten „Mythos der sauberen Wehrmacht“ – ein in der Nachkriegszeit propagierte Narrativ, das bis heute von Traditionsvereinen und politisch rechten Autoren aufrecht erhalten wird. Diese beiden Gruppen betonen ganz ähnlich wie Condrey die Unschuldigkeit und „saubere Weste“ der Wehrmacht, die sich im Gegensatz zur SS und anderen Elite-Verbänden an keinen Kriegsverbrechen beteiligt haben soll. Mittlerweile gilt dieser Mythos in der Geschichtswissenschaft als eindeutig widerlegt, die weitreichende Beteiligung der Wehrmacht an zahlreichen NS-Verbrechen im Rahmen großer und kleiner Kriegseinsätze hingegen als eindeutig belegt.

Es ist absolut erstaunlich, dass dieses Zitat in der deutschen Spielepresse nicht kritisch diskutiert wurde. Im Gegenteil: Deutschsprachige News-Meldungen und Tests übernahmen die penibel kuratierte Wortwahl, die die Entwickler in ihren eigenen Videos über Call of Duty: WW2 gezielt nutzen. Im Kontext der Einzelspielerkampagne, die historische Ereignisse aus alliierter Perspektive nacherzählt, spricht man also durchgehend von Nazis, ebenso im Zombie-Modus. Im Multiplayer hingegen wird aus den Nazis plötzlich ein wertneutrales „die Deutschen“. Dass diese Unterscheidung letztendlich nicht tragbar ist, erklärt mir Prof. Dr. Patrick Wagner, Dozent am Institut für Geschichte der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg:

„In der Tat waren viele Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg in der Wehrmacht kämpften, weder in ihrer individuellen Weltanschauung noch in ihrer organisatorischen Zugehörigkeit ‚Nazis‘, also z.B. nicht Mitglied der NSDAP. Soweit ist das richtig. Selbst für Soldaten der Waffen-SS kann das gelten, auch hierunter befanden sich 1944/45 viele, die sich nicht freiwillig gemeldet hatten, sondern eingezogen worden waren.

So gesehen hätte der zitierte Spieleentwickler teilweise recht, teilweise auch unrecht, denn in der Normandie kämpften 1944 auch deutsche Verbände, dere Soldaten Kriegsverbrechen begangen hatten. Aber ist das denn die Frage? Für alle Wehrmachtseinheiten (inklusive des Artillerieregimentes meines Vaters) gilt: Unabhängig von ihrer eigenen Einstellung zum NS-Regime haben sie für dieses gekämpft. Wer nun im Rahmen eines Spiels in diese Rolle schlüpft, tut im Rahmen des Spiels das Gleiche.

In seiner jetzigen Form ist der Multiplayer von Call of Duty: WW2 eine ideologische Katastrophe, die Teile der nationalsozialistischen Geschichte in einen irritierenden Kontext setzt oder sogar ganz entideologisieren will. Ein Videospiel, das weltweit von Millionen Spielern konsumiert wird, pfuscht aus Angst vor einer kritischen Diskussion an den empfindlichsten Stellen des modernen Geschichtsbild herum – sowas darf nicht einfach nur hingenommen werden.

Immerhin besteht für Call of Duty die Chance, die eigene Fehlkontextualisierung des Nazi-Deutsche-Wehrmacht-Durcheinanders in Zukunft wieder gerade zu rücken – und zwar zum Beispiel mit einer spielbaren Kampagne, die den Stauffenberg-Skins und der Scheu vor dem Nazi-Begriff das historische Narrativ zurückgibt. Spieler sollen von den Geschichten des Weltkrieges erfahren, die von dem einflussreichen, millionenfach verkauftem Franchise bisher geflissentlich ausgeklammert wurde.

Nirgends steht mit göttlicher Autorität geschrieben, dass uns Videospiele immer nur die Helden spielen lassen müssen. Im Gegenteil: Manchmal ist es durchaus wertvoller, uns zum Opfer, zum Täter, zum Invasoren, zum Nazi, zum Nazi wider Willen zu machen, um uns vor Augen zu führen, wie ein Weltkrieg aussieht, wenn er nicht aus der Sicht des amerikanischen Heldentums beschrieben wird. Oder aber das Entwicklerteam entzieht sich dieser Chance und geht ihren Weg weiter, um schon im nächsten DLC eine ganze Reihe neuer Waffen- und Uniformen-Skins für die Nazis, pardon, „die Deutschen“ anzubieten.

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